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VON HARRIET OERKWITZ
12. MÄRZ 2012

Das Tor zur (Lebens)Kunst

Gedanken zur musikalischen Improvisation von Klaus Holsten

„Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort.” (Joseph von Eichendorff, 1788–1857)

 

Kunst und Musik gehören wie das Feuermachen und die Sprache von Anfang an zum Menschsein. Erst in der jüngsten Vergangenheit unserer Kultur bekommt der Künstler eine Stellung, die ihn als jemand auszeichnet, der etwas hat, was die anderen nicht haben, obwohl wir im Grunde wissen, dass alle die selbe schöpferische Potenz in sich tragen. In unserer westlichen modernen Welt würden jedoch die meisten behaupten, nicht einmal ansatzweise künstlerisch zu sein. Haben wir denn verlernt, vollständige Menschen zu sein?

Viele suchen heute den Weg in diese verlorene Vollständigkeit zurück. Die Besinnung auf Kulturen, in denen sie noch lebendig ist, treibt uns kulturreisend um den Erdball oder in Workshops, in dem Bestreben, etwas von dem Bewusstsein und dem Glück zu erhaschen, das einem geschenkt wird, wenn man künstlerisch tätig ist.

Die Frage ist jedoch, ob der Weg dahin so weit sein muss, oder ob wir die Mittel dafür nicht vor der eigenen Haustür finden – vielleicht sogar im Küchenschrank. Das unerschöpfliche Feld der Improvisation ist seit Urzeiten der Nährboden für alle Kunst. Er führt durch ein Tor, von dem in unserer Kultur gesagt wird, dass nur die Künstler den Schlüssel dazu besitzen. In Wahrheit ist dieses Tor aber jederzeit und für jedermann und jedefrau offen.

Ein Schlüssel liegt im Blick auf unsere kleinen Kinder, die bis zum 5./6. Lebensjahr noch voll und ganz in diesem schöpferischen Feld leben, in dem es keine Trennung zwischen der materiellen, fassbaren Wirklichkeit und der Welt der Träume und Vorstellungen oder der uns umgebenden unsichtbaren Welt gibt. Zum Lieblingsspiel der Kinder gehört, sich in jemand anderen zu verwandeln. Sie sind Verwandlungskünstler, und jede und jeder wird sich daran erinnern können, wie er oder sie als Kind sich einmal verwandelt hat, etwa in ein Tier, einen wilden Jäger oder einen großen Drachen. Das können wir auch als Erwachsene. Wir müssen im Alltag nur eine Art Zauberwort sagen oder denken – zum Beispiel: „Jetzt!” und die Aufmerksamkeit über den Zweck unseres momentanen Tuns hinaus lenken und bewusst zuhören, was jetzt, in diesem Moment gerade geschieht. Dann wird das Hören zum Lauschen, das Tun zum Akt, und wir haben das Tor passiert.

 

Kleine Stückchen – Musik im Alltag

 

1. Die Fensterscheibe: Ich bearbeite einen hartnäckigen Fleck auf einer Fensterscheibe. Es quietscht. Auf einmal nehme ich wahr, dass das Quietschen lustig ist, und dass es einen Rhythmus hat. Aus dem Hin- und Herwischen entstehen eine Haupt- und eine Nebensilbe, auf meiner Fensterscheibe ist der Baustein eines kleinen Stückchens Musik entstanden! Ich staune und stoppe meine Aktion. Ich wiederhole sie und bemerke, dass es mir gefällt, wenn ich etwas schneller wische – und es beginnt mir Spaß zu machen. Beim nächsten Fleck kenne ich schon mein Lieblingstempo und bemerke, dass es mich lockt, lauter oder leiser zu quietschen. Je nachdem schlägt mein Herz plötzlich anders. Das Hin- und Herwischen ist zu einer Art Zauberspruch geworden. Ich bemerke, dass meine kleine Aktion – schließlich will ich ja auch, dass der Fleck verschwindet – gegen Ende immer stärker wird und mit einer finalen Betonung endet. Ich wiederhole meine Aktion und bemerke, dass meine Quietschmusik – nun völlig unabhängig davon, ob der Fleck verschwindet oder nicht – ein Eigenleben hat: im Verlauf meines Tuns spüre ich, wie lang die Aktion sein wird, und ich merke, wie eine unsichtbare Hand die meine mitführt, genau so lange, wie das kleine Rhythmusstück auf der Fensterscheibe „sein soll”, die Eigendynamik des musikalischen Verlaufs hat mich ergriffen.

Dies kann man in beliebigen Variationen nachspielen und dabei etwas über die musikalischen Elemente dieser Aktion lernen: Rhythmus, Betonung, Tempo, Lautstärke und Phrasenbildung.

Wenn man so elementar mit Musik umgeht, bietet es sich an, sich noch eine Ebene tiefer zu begeben und sich einmal den Grundbausteinen der Musik zuzuwenden: Erstaunlicherweise basiert der unerschöpfliche Kosmos Musik auf nur vier Grundparametern: Tonhöhe (hoch oder tief, messbar als Frequenz), Tondauer (lang oder kurz, messbar in Sekunden, meist aber angegeben in relativen Werten wie z.B. Viertelnote), Lautstärke (messbar in Dezibel) und Klangfarbe (z.B. hell oder dunkel, messbar als Obertonspektrum). Die Veränderung schon einer dieser Parameter transportiert Information, vermittelt Gefühlsinhalte und schafft Atmosphäre, und jeder von uns setzt dies in fast jedem Moment ein: spreche ich hoch oder tief, sage ich OOOOH oder O, sind meine Schritte laut oder leise, oder gebe ich meiner Stimme einen sonoren oder zarten Klang? Wenn Sie selbst einmal ein kleines Stückchen Musik im Alltag ausprobieren und im Verlauf nur ein Parameter ändern – eins, von dem Sie spüren, dass es etwas mit Ihnen zu tun hat – werden Sie erleben, wie stark sich diese Musik verändert und wie sie etwas von Ihnen mitteilt.

 

2. Die Glasschale: Ich nehme eine Glasschale aus dem Spülbecken und stoße sie ganz ohne Absicht am äußeren Rand ein wenig mit der Hand an. Sie gibt einen anhaltenden Klang von sich. Ich staune und möchte dies noch einmal hören. Ich unterbreche meinen Arbeitsgang und wende mich der Schale zu. Ich weiß, dass Schalen klingen, dass man sie am oberen Rand anschlagen muss, und dass sie nicht auf einer harten Oberfläche stehen dürfen, wenn sie nach dem Anschlagen nicht scheppern sollen. Also suche ich eine Position, die dies möglich macht. Meine Bewegungen verlangsamen sich, und spätestens mit der Art, wie ich meine Hand zum Anschlag führe, bin ich den Schritt vom Alltag ins Feld der Musik gegangen. Beim zweiten Anschlag (merkwürdig, dass unsere Sprache für diese behutsame Bewegung nur das Wort Schlag zu Verfügung hat...) erlebe ich, dass der Ton der Schale etwas mit mir macht: ich lausche, nehme die Zeit des Verklingens bewusst wahr und halte inne, bis der Klang zur Ruhe gekommen ist. Da es in der Küche nicht ganz still ist, mischen sich die rumpelnde Waschmaschine aus der Waschküche und das feine Surren des Transformators meiner Lichtleiste zu einer Hintergrundmusik meiner verklingenden Glasschale. Der Blick fällt auf einen Holzlöffel. Er lockt mich, ihn als Schlegel zu verwenden, und der dritte Klang meiner Schale bekommt eine neue Qualität, heller und viel länger anhaltend. Ich genieße den Ausklang noch länger, merke jedoch, wie es mich packt, bevor der Ton ganz verklungen ist, erneut und mehrmals anzuschlagen, und ich gerate in ein neues Feld, aktiverer Musik, die es mir ermöglicht, nach einer Weile wieder in meinen Alltag zurückzufinden.

Wer hat nicht schon einmal eine Glasschale klingen lassen? Musikalisch lernen wir dabei, bewusst mit der Zeit umzugehen (wie lange klingt sie, wann will der nächste Ton kommen?), Klangfarben wahrzunehmen, und – wenn man möchte – in der Abfolge der Anschläge einen Puls aufzubauen.

 

3. Impro-Power in der Pet-Flasche: Nach einem Fest blieb ein Träger mit leeren Riesenwasserflaschen bei mir stehen. Als ich eine herausnahm, um sie endgültig zu leeren, fiel sie auf den Boden und gab einen dunklen Trommelton und im Hinkullern noch einen rollenden Klangwirbel von sich. Ich hob sie vom Boden auf und fasste sie dabei etwas fester an, so dass sie sich einbeulte. Beim Loslassen sprang die Beule mit einem resonanten, etwas unheimlichen dunklen Knacken in ihre ursprüngliche Form zurück. Ich war begeistert von so viel unbeabsichtigter Musik und meine zweckorientierte Handlungsabsicht war verschwunden. Mein kleiner Enkel kam krabbelnd dazu. Er hatte einen hölzernen Löffel in der Hand und entdeckte die Flasche sofort als Trommel. Es war klar, dass ich noch eine leere Flasche aus dem Träger nehmen musste, und schon befanden wir uns in einer Trommelimprovisation. Ich merkte sofort, dass mein noch nicht zweijähriges Gegenüber, voll und ganz auf mich einsteigen konnte. Zunächst trommelten wir gleichzeitig, dann entstanden Zwiegespräche. Schließlich bot ich ihm mit regelmäßigen gleichmäßigen Pulsschlägen auf meiner Flasche einen Boden, auf dem er sich – wie es Kleinkinder es tun, und spielerisch-erforschend und zugleich „solistisch” austobte. Schließlich überraschte ich ihn mit dem Knackeffekt der zurückspringenden Beule, so dass er mich ganz erstaunt und ein bisschen erschrocken ansah. Er ließ sich aber wieder zum Trommeln mitreißen, und ich steuerte ihn nun mit lauter werdenden Schlägen auf einen Höhepunkt zu, nach dem ich plötzlich aufhörte. Aus reiner Empathie hörte er auch auf und wir mussten beide lachen. Die letzte Phase mit der Steigerung und dem gemeinsamen Aufhören musste natürlich etliche Male wiederholt werden... Dies war ein Ersterlebnis, das schon viele Wiederholungen erlebt hat. In einem Jahr wird zu diesem explorierenden Spiel das Hinzukommen, wofür das Medium Musik besonders geeignet ist: Gefühle ausdrücken, innere Bilder und erfundene Geschichten zum Klingen bringen.

Wenn wir uns mit einer Partnerin oder einem Partner im Musikfeld bewegen, kann man beobachten, wie wir verschiedene Rollen übernehmen: Wir ahmen uns nach, tun gleichzeitig oder abwechselnd das Gleiche oder etwas Gegensätzliches, wir stützen unsere Partnerin oder unseren Partner, in dem wir z.B. mit einer gleichbleibenden ruhigen Aktion einen Boden bereiten, oder wir setzen einen Akzent und überraschen unser Gegenüber. Wie im normalen Leben fallen wir uns aber auch ins Wort, können den Mund nicht halten oder müssen unbedingt das letzte Wort haben. Im bewussten Umgang damit entsteht Musik.

Das Spiel mit den Flaschen ist selbstverständlich nicht nur für einen Erwachsenen und ein Kind geeignet. Steigen Sie einmal mit einer Partnerin oder einem Partner in eine ähnliche Situation ein. Erkunden Sie zunächst die vielfältigen Klangmöglichkeiten Ihrer Gegenstände und beginnen Sie dann ein musikalisches Gespräch. Achten Sie darauf, dass es einen klar definierten Anfang ihres Spiels gibt, am besten mit einigen Sekunden aufmerksamer Stille. Die Stille ist ein gutes Mittel, um durch das Tor zu gelangen, von dem am Anfang die Rede war. Verabreden Sie, nicht zu sprechen und das Spiel nicht abzubrechen, auch wenn Unvorhergesehenes passiert. Wenn Unvorhergesehenes passiert, lassen Sie es zu und schauen Sie, wie sich das Spiel daraus weiterentwickelt. Das ist eine Garantie dafür, dass Sie im Feld der Musik bleiben. Spannen Sie innerlich einen Zeitbogen – anfangs nicht mehr als 2 bis 3 Minuten – und versuchen Sie wahrzunehmen, wann sich das Ende ihres Bogens ankündigt, folgen Sie dieser inneren Ankündigung und lenken Sie auf einen gemeinsamen Schluss zu.

Das Wahrnehmen und Umsetzen so einer quasi überpersönlichen Regieanweisung wird sich mit wachsender Erfahrung auch an anderen Stellen des improvisatorischen Prozesses einstellen und macht, dass wir uns beschenkt fühlen und ein Stückchen der verlorenen Vollständigkeit wiedergewinnen können.

 

Improvisation – ein Sprung vom Alltag ins Feld der Kunst

 

Diese Erfahrungen sind nicht nur auf das Feld der Musik beschränkt, sie können ganz ähnlich erlebt werden, wenn wir etwa unsere Alltagsbewegungen von der zweckorientierten Handlung zum bewussten Akt werden lassen. Dann kann im einfachen Gehen plötzlich Schönheit aufscheinen – für uns selbst oder für ein teilhabendes Gegenüber. Improvisation – in welchem Bereich auch immer – ist ein wunderbares Mittel für den Sprung vom Alltag ins Feld der Kunst. Umgekehrt bringen uns die Erfahrungen in diesem Feld unschätzbare Fähigkeiten für den Alltag.

In der Improvisation ist alles belebt, aus jedem Detail kann etwas Neues entspringen, die kleinste Veränderung kann den Fluss der Ereignisse in eine andere Richtung lenken. Das erhöht die Aufmerksamkeit und den Respekt – auch gegenüber scheinbar Unwichtigem. Improvisieren macht uns sensibel für das Erkennen von Tendenzen, selbst wenn sie sich im frühsten Keimstadium befinden. Improvisieren lehrt uns, im richtigen Augenblick das Richtige zu tun. So werden wir hervorragende Reagiererinnen und Zuhörer und lernen, Prozesse vorauszudenken und -zufühlen.

Improvisiert man für sich allein, wachsen vor allem die Souveränität und die Freude am kreativen Umgang mit Unvorhergesehenem. Wer mit einem Partner oder in der Gruppe improvisiert – sei es spontan aus dem Alltag heraus oder ganz absichtsvoll auf einem Workshop, lernt darüber hinaus, mit allen nonverbalen Mitteln virtuos zu kommunizieren und befindet sich in allen Prozessen – selbst angesichts wie auch immer gearteter Überraschungen – stets in der Rolle der Gestalterin oder des Gestalters. Wer improvisiert, erfreut sich am Reichtum der ungeahnten Möglichkeiten zwischen Machen und Geschehenlassen. Wer improvisiert, den lockt der schöpferische Prozess, immer wieder über seine Grenzen hinauszugehen und Dinge zuzulassen, die vielleicht gerade noch mit einem Tabu belegt waren. Wer improvisiert, entwickelt über diese Qualitäten hinaus, die man auch in jedem guten Kommunikations-Workshop lernen kann, einen Blick für das, was die Dinge selber wollen, was aus dem Augenblick herausruft. Wenn wir alle Improvisateurinnen und Improvisateure würden, könnte das dazu beitragen, dass das Tor zwischen Alltag und Kunst nicht nur für jeden passierbar wird, sondern im Sinne eines integralen Bewusstseins eines Tages ganz verschwinden kann.

 

 

Hier gibt es Einführungen und Fortbildungen für Improvisation:

Ring für Gruppenimprovisation (www.impro-ring.de)

Exploratorium Berlin (www.exploratorium-berlin.de)

EAHA, Europäische Akademie der Heilenden Künste (www.eaha.org)

Freies Musikzentrum München (freies-musikzentrum.de)

Improvisiakum Köln, internationale Werkstatt für improvisierte Musik, Reinhard Gagel

WIM Zürich, Werkstatt für improvisierte Musik (www.wimmusic.ch)

 

Ensembles für Improvisation:
Sächsisches Improvisations Ensemble, Andreas Nordheim (www.andreas-nordheim.de)

1. Improvisierendes Streichorchester 

Naturklang, Willi Grimm, (www.naturton.ch)

Now!-Ensemble, Axis-Duo, (www.klangundkoerper.de)

 

 

 

Foto: Klaus Holsten

Über den Autor des Artikels

Klaus Holsten: 1951 in Hamburg geboren, Studium an den Musikochschulen Hamburg und Zürich, künstlerisches und pädagogisches Diplom, langjähriges Mitglied als Flötist an der Bayrischen Staatsoper, europaweite Konzerttätigkeit, Aufbau des “Klang & Körper” Musikprojekts, umfangreiche Seminartätigkeit (“Improvisationswerkstatt”, “Mit Tönen sprechen”, “Flötenklang an Naturplätzen”), intensive Kursarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen, Gründungsmitglied der Europäischen Akademie der Heilenden Künste e.V., Lehrauftrag für Improvisation an den Musikhochschulen Hamburg und Rostock, Ensemble-Mitglied www.axis-duo.de

Ich bin Unterstützer: Das Konzert der Stille ist und bleibt in meiner Wahrnehmung ein Geschenk an die Welt. Für die hochwertigen Gastbeiträge und für die oftmals umfangreichen Programmier-Leistungen bemühe ich mich stets um einen Wertausgleich. Wer mir dabei helfen möchte, den bitte ich um seine frEURO auf das Konto Harriet Oerkwitz/ Konzert der Stille, bei der DKB 120 300 00, Kontonummer 1012644777, Betreff: „Ich bin Unterstützer“. Da das Konzert der Stille nicht als gemeinnützige Organisation bewertet wird und somit nicht die Voraussetzung der § 68 ff der Abgabenordnung erfüllt, stelle ich keine Spendenbescheinigungen aus.
SCHLÜSSELWÖRTER 
IMPROVISATION, KLAUS HOLSTEN, LEBENSKUNST, MUSIK ERLEBEN
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