Den Sound der Welt: Können Sie ihn hören?
Ein Plädoyer für das achtsame Ohr. Inspiriert vom Washington Post Experiment
Wie viel Zeit und Muße bleibt uns, Ästhetisches zu erleben und zu genießen? Erkennen wir Schönheit und Anmut auch in alltäglichen, hektischen Situationen? Nehmen wir Kunst in ungekennzeichneten Zusammenhängen wahr: Halten wir inne? Öffnen wir uns derlei stillen Momenten?
Diese Fragen sind nicht neu. Begriffen, wie Wahrhaftigkeit und Achtsamkeit, begegnen uns häufig auf der Suche nach angemessenen Antworten. Eine mögliche These ist: Wenn wir achtsam und wahrhaftig sind, erkennen, spüren und fühlen wir.
Achtsam und wahrhaftig - es sind Schlüsselworte, die sich in unseren Sprachgebrauch einschleichen. Ihnen haftet gar der Verdacht an, streng reglementiert zu sein. Sie versprechen elitäres Wissen. Durch einen achtsamen, wahrhaftigen Umgang mit sich selbst und anderen verdienen wir ein glücklicheres Leben. Ausgeglichenheit haben, gleich (gültig) und wertfrei mit allen Dingen zu sein, seinem Innersten entsprechend leben: Das sind vielleicht Visionen, in denen sich die Kernaussagen aller Religionen und Glaubenssätze weltweit treffen. Meditation, Hypnose, Tanz, Musik, Yogasport… viele Wege werden angepriesen, Achtsamkeit und Wahrhaftigkeit zu schulen und zu trainieren. Denn auch darüber ist man sich einig: Einen wachen, lebendigen Zugang zur Welt kann man diszipliniert üben.
Wie wichtig dies wäre, zeigt das Ergebnis des Washington Post Experiments eindrucksvoll: Am 12. Januar 2007 betrat Joshua Bell eine U-Bahn Station in Washington, D.C.
Joshua Bell gehört zu den umsatzstärksten Violinisten; er debütierte im Alter von 14 Jahren bei einem Auftritt mit dem Philadelphia Orchestra; in seiner Karriere gewann er mehrere Grammys und zahlreiche Awards.
Entgegen seinen Gewohnheiten kleidete er sich leger und zog eine Baseballkappe tief ins Gesicht. Auf seiner Stradivari-Violine spielte er inkognito 43 Minuten Stücke von Bach, Schubert und anderen Komponisten der klassischen Musik. Ein eindrucksvolles Programm.
Das Experiment wurde mit einer versteckten Kamera aufgezeichnet: 1.097 Personen gingen in diesem Zeitraum eilig an ihm vorbei. Sieben blieben stehen, um ihm zuzuhören. Nur eine Frau erkannte ihn und freute sich über das hochkarätige Live-Konzert des Solisten. Einige warfen Geld in den offenen Geigenkasten, in Summe 32,17 $. Es ist ein verschwindend geringer Bruchteil dessen, was das Management von Joshua Bell für eine Konzertkarte seines Stars verlangt.
Der Journalist Gene Weingarten hat dieses Experiment beschrieben und kommentiert. Sein Artikel „Pearls before Breakfast“ wurde im Jahr 2008 mit dem Pulitzer-Preis für Fachjournalismus (feature writing) ausgezeichnet.
Zurück zu den Eingangsfragen: Wie viele Straßenmusiker sind Ihnen heute begegnet und was haben diese gespielt? Haben Sie ein achtsames, offenes Ohr für die Musik im Alltag oder stöpseln Sie sich mit Kopfhörern von der Welt ab? Welchen Sound hat der Wind gespielt, als er über den Stadtpark rauschte? Welchen Rhythmus schlägt Ihr Herz? Wie viel Zeit und Muße bleibt Ihnen, Ästhetisches zu erleben und zu genießen? Erkennen Sie Schönheit und Anmut auch in alltäglichen, hektischen Situationen? …
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Hinhören. Achtsam und wahrhaftig.








