Der Körper spricht - das heilsame Tangotanzen
Forscherteams untersuchen Tango als Therapeutikum - mit erstaunlichen Ergebnissen
„Ich lobe den Tanz, der alles fordert und fördert – Gesundheit und Klarheit im Geist sowie eine beschwingte Seele. Tanzen verwandelt den Menschen, der ständig Gefahr läuft, ganz Hirn, Verstand und Wille zu werden. Der Tanz hingegen fordert den Menschen, der in seiner Mitte lebt und ankert. Der Tanz fordert den bereiten, den beschwingten, den ausgeglichenen Menschen, den Menschen im Gleichgewicht seiner Kräfte. O Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel mit Dir nichts anzufangen.“ (Augustinus von Hippo, spätantiker Kirchenlehrer)
Den Tanz als Therapeutikum haben schon die antiken Philosophen verstanden. Aber auch in den jüngsten Jahren untersuchen immer mehr Forscherteams zum Beispiel die heilsame Wirkung des Tangos. Lassen sich die subjektiv wohltuenden Effekte auch objektiv nachweisen? Haben die speziellen Bewegungen des Tangos besondere Auswirkungen auf den Körper und auf die Psyche?
Erste Ergebnisse veröffentlicht seit 2007 ein Team um Madeleine Hackney der Washington University in St. Louis. Sie weisen in mehreren Studien nach, dass Tango die Mobilität von Parkinsonkranken deutlich verbessert. Die Patienten mit Tango-Stunden schnitten gegenüber den Patienten ohne Tango-Stunden dort besser ab, wo Geschwindigkeit und Balance gemessen wurden. Tango stimuliere laut Hackney das Gehirn: Die Patienten lernen wieder die Kontrolle über ihre Bewegungen zu bekommen, wenn sie beim Tanzen sich dem Rhythmus der Musik und gleichzeitig den Bewegungen des Tanzpartners anpassen und dabei komplexe Bewegungsmuster ausführen. Beim Training üben die Patienten spielerisch, auf die Reize improvisierter Schritte und Bewegungen zu reagieren. Diese Bewegungskontrolle ließe sich gut in den Alltag der Patienten adaptieren.
Ähnliche Beobachtungen hat die kanadische Entwicklungsbiologin Patricia McKinley in ihren Studien mit Senioren mit erhöhtem Sturzrisiko gemacht. Nach einem zehnwöchigen Tango-Training hatten die Probanden mehr Kraft und mehr Balance.
Dass Tango auch auf unseren Hormonhaushalt und somit auf unsere Psyche einen großen Einfluss hat, fand die kolumbianische Psychologin Cynthia Quiroga Murcia an der Universität Frankfurt im Rahmen ihrer Dissertation (ein Artikel im Focus berichtete) heraus. Sie entnahm 24 Tangotänzern und -tänzerinnen Speichelproben zur Ermittlung der Hormonkonzentration. Ein zusätzlicher Fragebogen sollte klären, ob die biochemischen Ergebnisse allein auf die Musik, auf die Bewegungen oder auf die engen Berührungen mit einem Tanzpartner zurückzuführen sind.
Dabei machte Murcia drei Entdeckungen: 1. Die Reduktion des Stresshormons Kortisol im Blut ist vor allem der Musik zu verdanken. 2. Die vermehrte Testosteronausschüttung hängt von den Bewegungen und den engen Berührungen mit dem Partner zusammen. 3. Die hormonellen und emotionalen Reaktionen sind dann am stärksten, wenn alle drei Elemente – Musik, Tanz und Berührung – zusammenfallen.
Durch die lebendige Nähe – Brust an Brust, Gesicht an Gesicht, Arm in Arm – regt Tango darüber hinaus eine nicht weniger intensive Kommunikation der Tänzer an. Der Tanz hilft, Kontakt aufzunehmen. Die Körperhaltung ändert sich. Vertrauen und ein hohes Maß an Sensibilität fordert und fördert Tango. Ein Gefühl von Kompetenz und Stolz wächst. Die Romantik hält Einzug ins Leben. Diese Beobachtungen haben sich bereits Paartherapeuten zu Eigen gemacht, um bei Beziehungsproblemen zu helfen oder gar soziale Phobien zu lindern.
Bereits 2009 führte das psychiatrische Krankenhaus in Borda in Buenos Aires den Tango als ergänzende Therapieform ein, um an Schizophrenie oder an einer Psychose leidenden Menschen zu helfen. Auch Patienten mit Hirnverletzungen, zum Beispiel nach einem Schlaganfall oder Drogenmissbrauch, profitieren von dem argentinischen Nationaltanz.
Doch nicht allein als therapeutisches Mittel bewährt sich das Tanzen, sondern auch als diagnostisches: Ein Therapeut, der seine Patienten beim Tanzen zusieht, wie sie sich umarmen, sich halten und sich führen, gewinnt wichtige Informationen über die Psyche der Patienten.
Elemente aus dem Tango können hier für die Bearbeitung individueller Themen nützlich sein. "Eine tanztherapeutische Behandlung mit Hilfe des Tangos sollte also von gut ausgebildeten Tanztherapeuten begleitet werden, die die Grenzen des Einsatzes des Tangos in der Therapie kennen", so Thomas MAYR, Wiener Psychotherapeut, Tanztherapeut/Bewegungsanalytiker, in seinem Artikel "Ist Tango Therapie?".
Weitere psychologische Aspekte, wie zum Beispiel das Selbstwertgefühl, soziale Kompetenz, Stressverarbeitung oder Kommunikationsfähigkeit sind interessante Fragestellungen für weitere Forschungsarbeit, um das sichtbar und messbar zu machen, was die Antike längst schulte: „Ich lobe den Tanz, der alles fordert und fördert...“









