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VON HARRIET OERKWITZ
16. MÄRZ 2015

Die Sinfonie des Augenblicks

Klaus Holsten schreibt über eine besondere Form der offenen Bühne

Einblick in die Sinfonie des Augenblicks im Klanghaus Klein Jasedow
Foto: Mira Kretschmer

Das Klanghaus am See in Klein Jasedow ist ein Weiterbildungs- und Konzertort in der Nähe der Insel Usedom. Als Zentrum der Europäischen Akademie der Heilenden Künste e.V. beheimatet es eine umfangreiche Sammlung von elementaren Klang- und Perkussion-Instrumenten, und wie ein roter Faden zieht sich das Thema Improvisation durch das Jahresprogramm des Hauses, auch wenn nicht jede Veranstaltung unmittelbar mit ihm verknüpft ist.

Ein schon zur Tradition gewordener Programmpunkt der Klanghaus-Veranstaltungen ist das „Mitmachkonzert“, eine besondere Form der offenen Bühne. Zu diesem Improvisations-Ereignis, das mein Kollege Johannes Heimrath „Sinfonie des Augenblicks“ genannt hat, kommt ein bunt gemischtes Publikum. Wer da ist, ist willkommen, von der professionellen Musikerin bis zum unerfahrenen Interessenten. Schon in der Einladung wird beschrieben, was einen erwartet: Eine Gruppe von 20 bis 40 Menschen lässt sich von einem inspirierenden Dirigenten, – mit den „Klanghaus-Instrumenten“ oder mit dem eigenen Instrument – zu einer „Sinfonie des Augenblicks“ anleiten. Dauer mit Einführung, Probe und Aufführung: nicht ganz zwei Stunden. Eine Kurzform von 40 Minuten gibt es an einem Markttag vor dem Klanghaus. Zu dieser auf seine Art besonders spannenden Variante kommen in erster Linie Neugierige, die zum Teil gar nicht wissen, was sie erwartet. Offener kann eine Bühne nicht sein.

Die Worte Konzert und Sinfonie in der Ankündigung wecken Erwartungen, dass hier etwas so abläuft wie im klassischen Konzertbetrieb. Dazu gehören in der Regel umrahmende Elemente wie Hereinkommen, Smalltalk, Hinsetzen, Klatschen, Zuhören, Klatschen, Smalltalk und wieder Auseinandergehen – aber vor allem der unnahbare Nimbus des Künstlers und die klare Trennung zwischen Bühne und Publikum. Gute Musikvermittlung und innovative Initiativen, zum Beispiel wo man oder frau mitten im Orchester sitzen darf, haben einiges von diesen starren Formen aufgelöst, die Hierarchie zwischen den Künstlern und Publikum ist jedoch geblieben. Das Mitmachkonzert überschreitet auf ganz andere Art eine weitere Schwelle in diese Richtung: hier spielt das Publikum selbst. Hier darf und kann jeder im Beuys’schen Sinne ein Künstler sein. Die Musik, die entsteht, entspringt nicht einem Einzelnen sondern wird von allen Beteiligten erschaffen.

Bei der Entwicklung des Konzeptes der Mitmachkonzerte war uns wichtig, die konventionellen Formen zu hinterfragen aber nicht radikal aufzulösen, denn viele machen ja grundsätzlich Sinn. Sie fördern das Heraustreten aus dem Alltagsfluss sowie das aktive Hören und machen bereit, sich dem Anliegen von Komponisten und Interpreten zu öffnen. So wird schon in der Vorbereitungsphase des Mitmachkonzertes nichts Überflüssiges gesprochen. Ein Moment der Stille synchronisiert die Gehirne und setzt einen dezidierten Anfang. Mit gemeinsamem Schlussapplaus verabschieden sich alle Beteiligten aus der herausgehobenen Situation.

Der äußere Rahmen mit dem Orchester aus allen Beteiligten und einem Dirigenten ist so durchaus konventionell: allerdings wird der Dirigent improvisieren und in einem partizipativen Selbstverständnis die Mitwirkenden ebenfalls improvisieren lassen.

Damit dies gelingt, muss die Person, die die Dirigentenrolle einnimmt, souverän mit ihren Aufgaben umgehen und den Gefahren gewachsen sein, die aus dieser Machtposition entstehen können. Sie sollte nicht nur die eigenen Ideen vermitteln können sondern alle „Mitmacherinnen und Mitmacher“ als Personen mit ihren musikalischen und gestalterischen Impulsen wahrnehmen. Dann fließen die Energien nicht nur vom Dirigentenpult ins Orchester, sondern auch wieder zurück. Diese Erfahrung, als Individuum gesehen zu werden, ermutigt zum kreativen Handeln. Und so entsteht ein komplexes Gestaltungsfeld, zu dem alle beitragen.

Dies entwickelt sich bereits beim Kennenlernen der Instrumente. Im Klanghaus stehen zu beiden Seiten des großen Raumes Tische mit Elementar-Instrumenten, nach Kategorien sortiert. Auf der einen Seite Perkussion-Instrumente vom Geräuschklang bis zum gestimmten Ton (von der Samen-Rassel bis zur Schlitztrommel) und auf der anderen Seite Klanginstrumente von der Klangschale bis zum Streichpsalter. Die Ordnung schafft einen Überblick und hilft über die spontane Anziehungskraft der Instrumente hinaus bei der Auswahl. Es hat sich als sinnvoll erwiesen, beim Explorieren mit der „Geräuschseite“ zu beginnen. Das Geräusch ist ja quasi die Ursuppe der Musik, der Pool, in dem alle Klänge enthalten sind. So werden Geräuschinstrumente aus Naturmaterial unter behutsamer Anleitung erkundet, und je nach Bereitschaft des Publikums verwandeln sich dabei auch Alltagsgeräusche wie Schritte, Händereiben oder Kleiderrascheln in Musik.

An dieser Stelle taucht dann häufig die Frage auf, was eigentlich Musik sei. Das letzte Wort der Lexikon-Antwort „Schallereignisse in der Zeit“ beleuchtet den elementaren Faktor der Musik: ihren Verlauf und ihre Wahrnehmung in der Zeit. Wenn dies bewusst wird – auch in einer so komplexen Gruppe – entsteht meist ein erstaunliches Gemeinschaftserlebnis. Eine Gruppe lauschender Menschen bildet sozusagen ein „Hörorchester“. Eingeflochtene weitere Fragen wie zum Beispiel: was ist Rauschen? – ein Klang aus einer unüberschaubaren Menge verschiedener Frequenzen, oder was ist ein Ton? – ein Klang mit eben nur einer Grundfrequenz, rufen Staunen darüber hervor, mit welcher Bandbreite wir umgehen, wenn wir Musik machen. In dieser Phase nehmen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erste musikalische Beziehungen zueinander auf und beobachten elementare Kommunikationsphänomene wie „Call und Response“ und bemerken, dass das Schwarmbewusstsein (tun, was alle tun) und der Herdentrieb (nachmachen, was vorgemacht wird) immer wirken und ohne zu üben in diesem Prozess sinnvoll eingesetzt werden können.

Bin ich der Dirigent eines Mitmachkonzertes, bemühe ich mich zu allererst, genauestens wahrzunehmen, wen ich vor mir habe (Kinder, Schüler, Alte, Menschen mit Behinderung, den geborenen Solisten, die Nachbarin von nebenan, die Musiker-Kollegin etc.). Im Orchester der Mitmachkonzerte sitzen sie unmittelbar nebeneinander, und es wird meine Aufgabe sein, sie in der gemeinsamen musikalischen Zeit in all ihrer Unterschiedlichkeit zu erreichen und ihnen das bereichernde Gefühl zu ermöglichen, an einem schöpferischen Prozess mitzuwirken.

Obwohl ich als Mitmachkonzert-Dirigent Improvisator bin und mit der Freude am Unvorhergesehenen in den Prozess gehe, verlangt er eine Reihe von Vorbereitungen von mir, ohne die Improvisation in diesem Setting nicht gelingen kann. Die wichtigste ist, ein Repertoire der Zeichengebung zu entwickeln und es meinen MitmacherInnen in einer kurzen Probe zu vermitteln. Und all die Fragen nach einer strengen oder freien Form, nach Puls oder rhythmisch freiem Fluss, nach Tonalität oder Atonalität, konventioneller oder experimenteller Klanglichkeit, die ich mir auch als improvisierender Musiker immer wieder von neuem stelle, wollen auch hier gestellt werden. Als improvisierender Dirigent vor einem Mitmach-Orchester begebe ich mich in einen vielstimmigen Fluss zwischen Entscheiden und Geschehenlassen, eine genussvolle Balance zwischen Kommenlassen und Voraushören, Planung und Zufall, an der im Mitmachkonzert alle teilhaben.

Da viele Musiker dieses Settings wenig Erfahrung mit Improvisation haben, entscheide ich mich bei aller Freiheit oft für ein gutes Maß an Sicherheit, in dem ich im Großen Formen wie ABA – eine ästhetische Urform, die tief in uns angelegt ist und immer wieder wie von selbst erscheint –, eine angedeutete klassische Sinfonie-Satzfolge oder im Kleinen bewusste Wiederholungen von Motiven ansteuere.

Motive zeigen sich dann in der zweiten Vorbereitungsphase, die beginnt, wenn sich alle Beteiligten ihre Instrumente gewählt haben. Ich lade ein, sich wie im Orchester nach den Klangeigenschaften ihrer Instrumente hinzusetzen, und lasse jede und jeden nacheinander etwas spielen. Die Bausteine der Sinfonie treten damit auf die offene Bühne. Wie Keime einer Pflanze zeigen einige von ihnen bereits, wozu sie in der Sinfonie des Augenblicks werden wollen: zum Beispiel Teile eines Ensembles, ein Solo, Dialogpartner, oder stützender Hintergrund, Elemente der Steigerung oder Beruhigung, Rhythmus, Harmonie, Melodie – Wohlklang oder skurriles Überraschungsmoment.

Am wichtigsten erscheint mir an diesem Punkt für die meist ungeübten Teilnehmer die Ermutigung, sich zu trauen, nicht abzubrechen und die Bekanntschaft mit meiner Zeichengebung zu machen. Meine Haupt-Gesten bedeuten Einsetzen, Weitermachen, Stärker- oder Schwächerwerden, mit einem Partner Kontaktaufnehmen, und natürlich Tempo und – wenn vorhanden – Takt. Hier kommt wie in allen improvisatorischen Settings dem Phänomen des Aufhörens und der Pause eine besondere Bedeutung zu: Wie bringe ich jemanden in einer ihn oder sie im laufenden Prozess würdigenden Weise dazu aufzuhören, um jemand anderem oder etwas anderem Platz zu machen, zu pausieren? So nehme ich mir ausreichend Zeit, um deutlich zu machen, dass Pausieren ein aktiver Vorgang und kein „Redeverbot“ ist, und bemühe mich um eine Geste, die in die Pause einlädt, und gleichzeitig den Flow weiterträgt.

Bevor nun die improvisierte Sinfonie beginnt, versuche ich auf ein paar Charakteristika der Gattung Sinfonie aufmerksam zu machen. Die einfache Übersetzung „Zusammenklingen“ legt eine erste Spur, und der Hinweis, dass in der Musik das gleichberechtigte Miteinander von Gegensätzlichem nicht nur möglich ist, sondern sogar als besondere musikalische Lebenslust erlebt werden kann, macht für die weite Perspektive der nun folgenden sinfonischen Musik bereit. Ob sie sich in diesem Augenblick an die traditionelle Form anlehnt oder sich frei ausbreitet, überlasse ich dem Zusammenspiel der Kräfte.

Auf dieser besonderen Form der offenen Bühne kommt im Verlauf der Sinfonie des Augenblicks jede Menge Unterwartetes zum Klingen: Menschen, die noch nie Musik gemacht haben, haben ein Ersterlebnis, jemand, der sich nie trauen würde, vor anderen etwas allein zu spielen, bekommt mit einem von mir vorbereiteten Schlag auf einen Metallstab einen ungekannten Raum, ein Mann von der Blasmusik des Nachbardorfes wird mit einem Ton, zu dem ich ihm wiederholt den Einsatz gebe, zum Spieler eines Leitmotivs. Menschen, die sicher selten singen, finden zu einem an- und abschwellenden Vokal-Cluster. Jungen, die sich wie immer mit den größten Trommeln versorgt haben, finden aus dem Chaos in den Puls. Wenn es mir gelingt, führe ich sie in ein Pianissimo, ohne dass das Tempo nachlässt, und sie spüren die daraus entstehende Spannung. Ein Profimusiker bekommt den Platz für ein Cello-Solo – mit Hintergrundrauschen.

Dies sind nur wenige Beispiele einer Vielzahl an Beziehungsmöglichkeiten in diesem Gefüge, in dem unterschiedlichste Charaktere zu einem Ganzen zusammenfinden. Die Möglichkeiten, aus dem Augenblick eine Sinfonie entstehen zu lassen, sind grenzenlos. Vielleicht nimmt der eine oder die andere eine neue Erfahrung der eigenen schöpferischen Kraft daraus mit, vielleicht auch die Idee, im eigenen Umfeld selbst eine besondere Form der offenen Bühne zu schaffen.

 

Hinweis: Am 6. Juni 2015 - am Tag des Holundermarktes - findet das Mitmachkonzert "Die Sinfonie des Augenblicks" dreimal am Nachmittag statt.

 

Literatur: Christine Simon, Musik stiftet Gemeinschaft, Drachenverlag 2013 Kontakt: Europäische Akademie der Heilenden Künste e.V., c/o Klaus Holsten, kh@eaha.org, www.eaha.org, 038374-75228

 

 

 

Zum Autor Klaus Holsten

Klaus Holsten, Flötist und Improvisationsmusiker. Studium in Hamburg und Zürich, 1975-1994 Flötist im Bayerischen Staatsorchester. Studium historischer Flöten, Gründungsmitglied der Neuen Hofkapelle München. Mitglied des Axis-Duos und Now-Ensembles für Improvisation und Neue Musik, Entwicklung innovativer Performance-Konzepte, europaweite Konzerttätigkeit. Meisterklassen und Fortbildungskurse im Rahmen des „Klang&Körper Musikprojekts” und der Europäischen Akademie der Heilenden Künste e.V. Seit 1997 in Klein Jasedow, Nähe Insel Usedom. Mitinitiator des Konzert- und Ausbildungszentrums „Klanghaus am See”. Weiterbildungsstudiengänge für Musik und Musikalische Prozessbegleitung. Lehraufträge für Improvisation an den Musikhochschulen Hamburg, Rostock und Mainz. www.eaha.org, www.axis-duo.de  

 

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SCHLÜSSELWÖRTER 
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