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VON HARRIET OERKWITZ
31. OKTOBER 2011

Durch sanftes Schweigen Energie nehmen & geben lernen

Eine Rezension über den Roman von Marga Atz – „Die Ohne Worte Sprache“ - von Dr. Carsten Schmidt

Marga Atz – „Die Ohne Worte Sprache“
Marga Atz – „Die Ohne Worte Sprache“

Der Godewind Verlag aus Mecklenburg zeigte sich zuletzt mit historischen Romanen von Carola Herbst und Autobiographien wie der von Hans Jürgen Fenske. Nun präsentiert er mit Marga Atz´ spätem Debüt ein Buch, das die in Hamburg lebende und aus Tirol stammende Autorin viele Jahre bearbeitet und nun zum Glück für die Leser losgelassen hat.

Die Hauptfigur Karo, welche nach einigen Ehejahren in gehobener Gesellschaft am Fluss-Grundstück ihren 50. Geburtstag feiert, führt uns durch ihre seelischen Tiefengewässer.

Der Geburtstag ist innerlich bereits ein Wendepunkt für Karo, da sie die feine, durch Konventionen „maskierte“ Gesellschaft nicht mehr ertragen kann. Sie sucht Stille. Noble Gäste und ihr bekannte Geschäftsfreunde des Mannes können ihre Stimmung nicht aufhellen. Sie fühlt sich einsam und melancholisch, worauf sie in den Garten flüchtet, doch gerade dort ihren Mann im Arm einer Frau sieht, die sie schon lange als seine Geliebte erahnt hat.

Zwischen den Eheleuten stehen nicht nur Jahre abkühlender Routine sondern auch die unausgesprochene Trauer über eine kinderlose Zeit. Mit dem Mann, der früher das Baby nicht haben wollte, kann sie nun keine mehr bekommen. Dafür hat er aber ein Kind mit der Geliebten, wobei er jeden Freitag eine Karo gegenüber als „Tennis-Abend“ getarnte Nacht im zweiten Heim der anderen Familie verbringt, manchmal auch spontan in der Woche. Karo will von ihrem tiefsten Inneren wissen, wie sie trotz dieser Demütigungen weiter zusammen sein können und sie ihren Frieden findet. Dies scheint umso schwerer bei gespielten, zelebrierten Abendessen zu Chopinklängen und weißem Tischtuch.

Eine friedliche Beziehung ohne Machtspiele schwebt ihr vor im schönen Garten am Fluss, den sie als Energie- und Kraft-Ort aufsucht. Sie ersehnt die Fähigkeit, das Loslassen gezielt einsetzen zu können in Alltags-Situationen, in denen sie durch Rachegelüste und Blockaden wie gefesselt ist. Wir begleiten Karo auf Seelenwanderungen und spirituelle, meditative Tagträume, in denen sie die emotionale und rationale Seite des Menschen erkundet, frauliches sowie männliches Denken unterscheiden lernt und Vertrauen für die innere Stimme in sich aufbaut. Eine Stimme, die ohne Gespräche funktioniert und als „Ohne-Worte-Sprache“ zum wichtigsten Instrument wird, reine Liebe geben und nehmen zu können.

Die Szenen zwischen Seelenwanderungen und Alltag verwischen immer wieder. Die Leser erkennen, wie Karo den Gedanken herumträgt, den Mann zu verlassen, es jedoch als wichtiger ansieht, erst den Frieden und das positive „Annehmen“ für sich zu lernen. Gegen eingravierte Denkmuster will sie ankämpfen und schimpft: „Meine Gedanken springen auf das verfluchte Karussell und ich drehe mich erneut im Kreis.“

Dagegen sucht sie Ruhe – den sanften Fluss der Energie – und in Träumen helfen ihr weise Gestalten dabei, ohne Worte ihrer inneren Melodie zu vertrauen und das „stimmig werden mit sich“ zu üben. Wie Sloterdijk schreibt „Du musst dein Leben ändern“ sucht auch Karo nach dem Hebel, den sie umlegen kann, um zu akzeptieren: nicht immer gegen den Strom zu schwimmen sondern Teil des Flusses zu sein.

Auf dieser inneren wie äußeren Reise begleiten wir sie, wobei auf der äußeren der Ehemann tatsächlich Veränderungen bei seiner Frau erkennt und er aus Rücksicht beim 51. Geburtstag zumindest die Geliebte nicht einlädt.

Im Zuge der inneren Reise platzt der Knoten, als Karo im Traum ihr kindliches Alter Ego trifft und dadurch ihre innere Mitte als Ausgleich und Balance wiederfindet. Der Satz „Alles kommt zu dir im richtigen Augenblick“ hilft ihr, so dass Karo vor allem die „mannlosen Freitage“ im Mondschein benutzt, sich tiefer ihren seelischen Wünschen zu öffnen und endlich zufriedener, entspannter, losgelassener zu sein. Dabei trägt die Lektion der Empathie sie weiter, als sie im Traum drei Männer besucht und von ihren Lebensängsten erfährt. Ihr Horizont erweitert sich und sie wird fließend fähiger, Energie und Liebe anzunehmen und gezielt zu geben.

Das Ende um die doppelte Ehe ist offen. Wichtiger war der Autorin, das Instrument der „Ohne-Worte-Sprache“ vermittelt zu haben, die sich jeder Leser selbst erschließen kann. Es ist ein esoterisches, sanft und teilweise nebulös geschriebenes Buch, das sicher nicht jedem eine leichte Lektüre verspricht: „Unter den nächtlichen Strahlen der Mondin wird meine Lichtfrau geboren.“

Wer bei solchem Satz schon aussteigt, muss sich warm anziehen, denn an Feen, Lichtwesen und Sakral-Chakren ist kein Mangel. Vielleicht ist aber der nüchterne, aus dem Alltag gegriffene Anfang des Buches doch in der Lage, Türen zu öffnen für interessierte Leser, die vorsichtig einmal in die Welt eintauchen wollen, von der es im Hamlet schon heißt: „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als Deine Philosophie sich träumen lässt.“

Inhaltlich muss man mithin wie bei jedem „Roman“ entscheiden, wie weit man sich auf Handlung und gewählte Mittel einlässt und ins Boot auf dem Seelenfluss steigt.

Objektiver kritisieren kann man die handwerkliche Umsetzung und logische Brüche, die die Lektüre erschweren. Das Männerbild besteht aus aggressiven, daueralkoholisierten Neandertalern, die zu primitiv sind, ihre linke Hirnhälfte zu nutzen und die gegenüber den vollkommen überlegenen, perfekten Feenwesen der Frauen nur mit Hilfe lernen können, anständig zu denken und zu fühlen.

Abschließend ist durch die egozentrisch gezeichnete Hauptfigur das Personenensemble sehr überschaubar, was sich in oft zirkulärem „ich-mein-ich-mir-ich-mein-ich-mir-ich“-Gedanken-Ping-Pong mit sich selbst äußerst, was durchaus auf die Nerven gehen kann.

Dr. Carsten Schmidt
Dr. Carsten Schmidt

Dr. Carsten Schmidt, Germanist, 33, ist freier Lektor und Journalist in Berlin. 2010 erschien von ihm „Kafkas fast unbekannter Freund“ bei Königshausen & Neumann.

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SCHLÜSSELWÖRTER 
MARGA ATZ, DIE OHNE WORTE SPRACHE, DR. CARSTEN SCHMIDT, SCHWEIGEN
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