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VON HARRIET OERKWITZ
21. MÄRZ 2013

Gastbeitrag in der neuen OYA: "Essen in Stille"

Über das Abenteuer sich nähren, stärken und stillen

In der aktuellen Ausgabe des Magazins Oya, Nr. 19 - März/ April 2013, Seite 12 finden Sie Oya-Momente, Leserbriefe und Kolumnen von Lesern. Diesmal präsentiere ich mit wenigen Worten ein "Essen in Stille".

 

***

 

Bin ich satt oder habe ich es satt?

 

Ankommen, genießen, teilen, stärken: Einmal im Monat lade ich in Hamburg zu einem „Essen in Stille“ als einen besonders achtsamen, geistvollen Wochenausklang ein. In der Stille öffnen wir uns für ein intensives Erleben beim gemeinsamen Nähren. Eine hinführende Meditation und eine improvisierte, musikalische Fantasiereise im Abschluss betten den Abend in Harmonie und Frieden.

 

Es ist diese wohlig-cremige Aufgeregtheit meiner Zunge: Sie folgt der Spur des Chilis, tastet sich an einem kubisch-förmigen Stück Schalotte entlang; behutsam rollt sie sich und formt eine Furche. Doch die Maronisuppe lässt sich nicht dirigieren. Herrschaftlich überschwemmt sie die schneidigen Kanten meiner Zähne.

Körniger Brei. Maronen. Ich aß sie im vergangenen Herbst in Frankreich. Sie lagen schon eine Weile auf der kleinen Grillfläche des Verkäufers. Erst als ich ihre Schalen brach, stieg mir ihr süßlicher Dampf in die Nase. Süßes Frankreich. Violett gefärbte Berge. Frankreichs Berge in der Nachmittagssonne. Ein leichter Lufthauch streichelt meine Wangen. Mein Gesicht, das Licht, willkommen. Mein Kopf legt sich sacht in den Nacken, macht frei.

Freie Bahn. Lachend tanzt die Maronisuppe in die Tiefe des Rachens. Es sind große Abenteuer, spannende, knifflige Rätsel: Was nährt mich? Wie schmecken mir die Zutaten des Lebens? Wie stille ich den Hunger meines Herzens? Bin ich satt oder habe ich es satt?

Als junges Mädchen irritierten mich die Diätversprechen aus Mode- und Styling-Zeitschriften. In der Werbung strotzten mir fahle Wangen- und Beckenknochen entgegen. Vermeintlich gesunde Lebens-Mitte-l grinsten frech aus ihren Mogelpackungen. Zahlenfolgen aus Kalorientabellen fügten sich zu klingenden Mantren zusammen und unterlegten mein Kopfkino. Mein Drama. Meine Doku. Meine leidlich in Szene gesetzte Sehnsucht nach Leben. Diese Sehnsucht. Dieser Hunger. Und überall Verführung.

Ich tauche den Löffel in den beigen Pamps und lausche. Warm ist es geworden. Ich spüre, wie sich meine Bauchdecke an die Innenseite meines Kleides schmiegt. Die Maronisuppe ergießt sich in meiner Höhle.

Dass wir uns zuhören – mein Bauch und ich –, ist ein Wunder. Unvereinbar und paradox war zunächst unser Streben. Er entspannte, dehnte sich und nahm sich Raum, ich maßregelte, knirschte und zog ihn straff zurück. Mein Zerren und sein Feilschen. Mein Zügeln und sein Klagen. Mein Bauch und ich: Erst nach langen, zähen Verhandlungen schlossen wir Freundschaft.

Ich horche auf. In dieser friedlichen Stille empfange ich klare Signale meines Körpers. Ein Schluck Maronisuppe füllt den Löffel. Ich betrachte ihn achtsam. Ich erschließe ihn ganz und gar – lade ihn zu mir ein. Ganz ohne Fernsehnachrichten, Radiodudelei, Diskussionsfetzen und Börsenangst umschließe ich den heißen Sud. Tief atme ich ein.

Danke.

Danke Mutter Erde, danke Sonne, danke Regen, danke Wind, danke Maronensammler, danke Heike für die liebevoll-achtsame Zubereitung der Suppe.

Langsam atme ich wieder aus. Mag sein, dass meine Augen noch Hunger haben. Genüsslich schlendere ich mit ihnen die reichlich gefüllte Tafel auf und ab. Dieser Farbenmix aus einem intensiven Grün des Salates, einem leuchtenden Orange des Chutneys und einem frischsaftigen Lila der Feigen tränken mich. Mag sein, dass mein Herz noch hungrig ist. Es hüpft aufgeregt, als es den süßlichen Saft der Verbindung schmeckt. Es ist nur ein kurzer Moment. Unsere Augen treffen und erkennen sich. Freundlich werfen wir uns Liebkosungen zu – ohne Worte, nur unmaskierte Blicke.

Ich bin glücklich. Die Teilhaber des „Essens in Stille“ schnurren, kaum zu hören, streicheln ihren Bauch, schmecken ihrem gefärbten Speichel nach. Achtsam lauscht jeder von ihnen den aufregenden Erlebnissen der Anderen: Den Reisen, den Bildern, den Gedanken, den Geschichten und Erinnerungen. Wohlgeordnet. Ganz natürlich fügt sich ein leichtfüßig-intuitives Gespräch von Herz zu Herz.

So nah sind wir uns, so nah im Genuss. Gemeinsam teilen wir, reichen uns an, schenken uns nach, nähren uns durch wertschätzendes und achtsames Zuhören, stärken uns. Wir tragen zusammen, was unseren Hunger nach Leben, nach Energie, nach Wärme und Glück stillen kann. Ein Kino-Besuch, ein Konzert, ein Spaziergang durch die Natur, Tanzen, Lachen, eine zarte Geste.

Ein gemeinsames „Essen in Stille“. Es ist ein Geschenk. Wir sind das Geschenk. Wir sind satt und glücklich. Wir sind.

 

Harriet Oerkwitz

Musiktherapeutin & Herausgeberin des Magazins www.konzert-der-stille.de

 

Aktuelle Termine:

"Essen in Stille" am 31. Mai 2013

"Achtsames Kochen und Essen mit Starkoch Christian Wrenkh" am 4. April 2013

 

Ich bin Unterstützer: Das Konzert der Stille ist und bleibt in meiner Wahrnehmung ein Geschenk an die Welt. Für die hochwertigen Gastbeiträge und für die oftmals umfangreichen Programmier-Leistungen bemühe ich mich stets um einen Wertausgleich. Wer mir dabei helfen möchte, den bitte ich um seine frEURO auf das Konto Harriet Oerkwitz/ Konzert der Stille, bei der DKB 120 300 00, Kontonummer 1012644777, Betreff: „Ich bin Unterstützer“. Da das Konzert der Stille nicht als gemeinnützige Organisation bewertet wird und somit nicht die Voraussetzung der § 68 ff der Abgabenordnung erfüllt, stelle ich keine Spendenbescheinigungen aus.
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