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VON CHRIS WEDERKA
29. JULI 2012

Glauben heißt hören, wie das Leben als ein feiner und ferner Ton in der Stille ausklingt.

Gedanken über das Älterwerden von Jörg Zink in "Die Stille der Zeit"

Portrait Jörg Zink "Die Stille der Zeit"
Foto: Factum Fotojournalismus

Jörg Zink ist einer der bekanntesten evangelischen Theologen der Gegenwart. Am 22. November 2012 wird er 90 Jahre alt. Nach einem Herzinfarkt und einer anschließenden Depression im vergangenen Jahr veröffentlicht er mit „Die Stille der Zeit“ seine Gedanken zum Altsein: Was bedeutet Älterwerden? Welche Krisen und Bewegungen läuten den fünften und letzten Lebensabschnitt ein? Welche Veränderungen gehen neben den körperlichen Einschränkungen einher? Was erwartet die Welt von den Alten? Welcher Sinn und welche Haltung bleiben den Alten, wenn ihre Pläne erfüllt, ihre Ziele erreicht, ihr Frieden gemacht ist?

Sterben auf Probe

 

„Unser Ziel ist die Stille der Zeit.“ Der Weg dorthin – dies zeigt das Buch Zinks deutlich – ist ein höchst persönlicher. Ausgehend aus einer Narkose, einem „Sterben auf Probe“, beobachtet der Theologe, dass die Einheit von Denken und Tun und von Seele und Körper, nur sehr langsam zurückkehrt, „dass die beiden auch ohne einander können.“ Diese Entwicklung ist weder etwas für Helden noch etwas für Angsthasen: „Wer beim Altwerden auf Siege hofft, hat am Ende nicht mehr in der Hand als der Feigling, der meint, er überlebe damit, dass er Medikamente schluckt.“

Achtsam seine Kraftressourcen überprüfen, sich jeden Tag neu orientieren, die Übersicht über die eigenen Potentiale behalten: Dieses Lebensgesetz habe ganz besonders im Älterwerden eine große Bedeutung. Ähnlich, wie unsere Gesellschaft den Verlust von Kindheiten zu beklagen habe – „Der Kindergarten ist nicht mehr die Zone des Spiels, sondern die des spielerischen Lernens.“ – verschwinde auch die Wirkung und die Schönheit alter, weiser Menschen. Umso wichtiger sei es, dass der Alte aus sich selbst heraus strahlt: „Er lebt in die immer ehrlicher werdende Bereitschaft hinein, zu bejahen, was an ihm geschehen muss. In dieser wachsenden Bereitschaft entsteht im Alten etwas Ruhiges, Gelassenes, eine Erfahrung von wichtig und unwichtig, echt und unecht. (...) Er packt immer weniger, er beherrscht immer weniger, aber er macht deutlich, dass er sich mit seinem Ziel anfreundet.“

Mit der inneren, leuchtenden Ruhe meint Jörg Zink nicht die sprichwörtlich ewige Ruhe, die von Müdigkeit und Geschafftheit her gedacht ist, sondern eine Zeit- und Raumstille. „Schütze den stillen Raum, in dem das in dir geschieht, und halte dich nicht auf mit dem, was vergeht, mit deinem Tagestraum und deinen Nachtgedanken.“ Die Zeitstille ist das Ende des ständigen Bewegens, Loslassens und Vergehens und das bewusste Schöpfen von Kraft, Mut und Zuversicht. Es ist der stille Raum, in dem eine eigene, individuelle Erzählkultur über Erfahrungen, Beobachtungen und Erinnerungen entsteht.

Unsere Gesellschaft braucht die Alten: Denn über Umwelt, Gleichrangigkeit der Menschen, über das Ausüben von Macht, Gerechtigkeit, Frieden, Verschuldung, Terrorismus und über Arbeit erzählen kann nur, „wer etwas erfahren hat. (...) Ab der Mitte des Lebens wird das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte wichtig. Danach wird sich sein Interesse sich immer jüngeren Phasen seines Lebens zuwenden. Kommt er an sein sechzigstes Jahr, so wird er von der Zeit seines Erwachsenwerdens, vielleicht auch seines dritten Lebensjahrzehnts berichten. Wird er siebzig, so wird er tiefer in seine Jugend eintauchen und in seine damaligen Widerstände und Träume. (...) Offenbar führt unser zunehmendes Alter uns wie in einem Kreisbogen immer tiefer in unsere Ursprünge zurück.“ Das Erinnern einer Geschichte wird zum Heimkommen oder Nachhausekommen einer Seele: „So wird aus dem Zuhören und Zutrauen das Selbstausprobieren, dann daraus das eigene Erfahren, das man dann wieder erzählen kann, nachdem man es verstanden hat.“

Stillzeit

 

Das Älterwerden mündet demnach in einer Stille des Nachdenkens über die persönliche Seelengeschichte und in das damit verbundene, angemessene Übertragen auf größere Zusammenhänge. „Kannst Du noch sprechen? Dann sage deine Meinung! Kannst Du noch schreiben? Dann schreibe deine Auffassung an eine Zeitung oder bringe sie ins Internet. Lebe sichtbar und spürbar, lebe öffentlich.“ Diese Haltung berge in sich die klare Anerkennung der eigenen bescheidenen Rolle im großen Weltenspiel. „Wie wenig es braucht, damit man sein Leben und Tun lohnend finden kann, wie das einfache Dabeisein, die praktische Beteiligung zu einem Wert an sich wird, das habe ich gesehen.“

Tröstlich wirkt der Aufruf, sich seiner Verantwortung im Alter bewusst zu sein, dass, wenn wir Erfahrungen mit unserer inneren Schönheit und Kraft gemacht haben, auch verpflichtet sind, darüber zu reden und weiterzureichen. Zink umarmt auf diese Weise liebevoll das Zusammenspiel von neuen, modernen Techniken, vielleicht auch den Grundgedanken der social media, und den alten Weisheiten, Erzählritualen und Lehren.

„Ich muss meinen Wert nicht selbst herstellen. Er ist bewahrt.“ Jörg Zink findet seine Zuversicht im Glauben darüber, alles als Geschenk von Gott zu empfangen; auch die reife, innere Ruhe und Gelassenheit gespeist aus Verantwortung und aus dem Wert und Sinn des Altseins an sich: „Glauben heißt hören, wie das Leben als ein feiner und ferner Ton in der Stille ausklingt. In der Stille, aus der sich am Ende die reine Musik jener anderen Welt der ewigen Wirklichkeit, erhebt. Das ist das erste Merkmal einer Einübung des Abschiednehmens.“

Stille und Frieden

 

„Die Stille der Zeit“ ist eine persönliche Geschichte des Wachsens und Reifens, beeindruckend ehrlich und nah. Ich fand in Jörg Zinks Worten Schönheit, Anmut und Liebe zum Leben – gemeinte und verstandene. Sie sind eine Verneigung vor der Tradition von Überlieferungen, Ritualen und Werten, die mich in meiner eigenen Haltung sichern und (noch weiter) öffnen: Wir wenden uns insgeheim und natürlich den Menschen zu, die unsere Hand und unser Herz brauchen, indem wir Stille und Frieden (in uns und anderen) stiften. Sich dieser Haltung und Verantwortung bewusst zu sein, bedarf es kein hohes Alter. Sie finden aber im Altsein eine großzügige und freundliche Klarheit und Zuversicht.

Ich bin Unterstützer: Das Konzert der Stille ist und bleibt in meiner Wahrnehmung ein Geschenk an die Welt. Für die hochwertigen Gastbeiträge und für die oftmals umfangreichen Programmier-Leistungen bemühe ich mich stets um einen Wertausgleich. Wer mir dabei helfen möchte, den bitte ich um seine frEURO auf das Konto Harriet Oerkwitz/ Konzert der Stille, bei der DKB 120 300 00, Kontonummer 1012644777, Betreff: „Ich bin Unterstützer“. Da das Konzert der Stille nicht als gemeinnützige Organisation bewertet wird und somit nicht die Voraussetzung der § 68 ff der Abgabenordnung erfüllt, stelle ich keine Spendenbescheinigungen aus.
SCHLÜSSELWÖRTER 
JÖRG ZINK, DIE STILLE DER ZEIT, ALTSEIN, ÄLTERWERDEN, ERZÄHLKULTUR
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1 KOMMENTAR(E)

Danke Harriet für das wunderbare Interview mit Jörg Zink über das Älterwerden. Es braucht noch mehr solcher schöner Wegweiser. Fanu

 

Fanu Angela Kerkmann
am 
03. August 2012

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