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VON HARRIET OERKWITZ
23. JUNI 2011

Ich brauche Stille.

Paul Kalkbrenner über sein leises Album „ICKE WIEDER“

Albumcover "ICKE WIEDER"
Quelle: Paul Kalkbrenner Musik

Morgen ist es soweit: Paul Kalkbrenner wird mit seinem fünften Studioalbum „ICKE WIEDER“ vorbei am DSDS-Milchhörnchen an die Poolposition der deutschen Albumcharts ziehen, sich fest verankern und es sich über Wochen in einer wohlig-warmen Komfortzone gemütlich machen. Das ist Erfolg. Das ist Konsequenz. Das wollen der Vertrieb von Rough Trade und die Promotion von Ballyhoomedia möglich machen.

Nun ist seine Musik kein Kuschelrock – ganz im Gegenteil. Paul Kalkbrenner ist mit Mitte 30 einer der erfolgreichsten deutschen Produzenten elektronischer Musik. Und der Weg dorthin war laut und bewegt.

Die Jahre 2009 und 2010 müssen Paul Kalkbrenner wie eine einzige, monströse Welttournee mit hunderten Gigs und tausenden, hysterischen Groupies vorgekommen sein. Der Film „Berlin calling“ von Hannes Stöhr, für den Kalkbrenner den Soundtrack produzierte und in dem er den Helden Ikarus spielte, machte Kalkrenner weit über seinen eigenen Freundeskreis, weit über die Fangemeinde, weit über die Berliner Szene hinaus bekannt. Man sprach im Zusammenhang mit seiner Musik von Mainstream-Techno, wenn man im Genre Techno überhaupt von Mainstream reden will. „Amerika calling“, „Australien calling“, „Afrik... äh Afghanistan calling“.

Und so verwundert es nicht, dass Paul Kalkbrenner in einem Interview mit dem Welt Online TV von der Notwendigkeit einer kreativen Pause berichtet: Er kaufte sich im vergangenen Herbst über Ebay eine komplette LEGO-Ausstattung und bastelte – erst zwei Monate mit Bausteinen und später mit Klangschnipseln an seinem Album. Purer Handwerkerstolz.

Pause, Muße, Ruhe. Allein am Album schrauben, in Klausur gehen, sich im Studio einschließen: „Ich brauche Stille. Am besten legt sich eine Staubschicht auf meine Gedanken.“ Hört man es dem Album an?

Vorweg: Ich fand sehr gute Rezensionen im world wide web. Vor allem den angemessenen Album-Ankündigungen von Martin Tenschert und Sebastian Weiss konnte ich in ihren Einschätzungen gut folgen. Die zehn Nonsens-Titel („Böxig leise“, „Kleines Bubu“, „Des Stabes Reuse“) manchmal in bekannt Berliner Dialekt („Jestrüpp“) kündigen ein verhaltenes, leises Album an – atmosphärisch, eher flächig als strukturell, eher den Moment einfangend als zielgerichtet, eher präsent als resultatorientiert. Entspannend ist der Gedanke, dass sich hier nicht an einem Schema (Ich bau Dir ein Haus, Kleines.) abgearbeitet, dass eben nicht an „Sky and sand“ gemessen und kein Radio-Mitsing-Format angestrebt wird. Es geht um fühlen, eintauchen, mitschwimmen. Monotonie ohne Langeweile – es muss nichts passieren, man muss nichts können, man darf nur sein, feiern, tanzen.

(Was für ein Zauber: Nix machen und der Hit ist geboren. So erstaunt muss auch das Projekt „Duck Sauce“ aus der Wäsche geguckt haben, als seine Single „Barbra Streisand“ loszischte.)

Dabei unternimmt Kalkbrenner keine großen Ausflüge außerhalb des minimalistischen Sounds. Das ist Kalkül, kündigt Kalkbrenner in seiner eigenen Pressemitteilung an: „auf diesem album wird es keinen gesang geben, auch die musik von übermorgen gibt's diesmal nicht von mir, sondern es fühlt sich insgesamt eher so an wie... ja, früher. ein bischen erwachsener geworden ist es natürlich auch, aber sonst: alles wie immer.“

Und so begegnet dem Hörer im „Jestrüpp“ das bereits im Album „Self“ (2004) erprobte, harmonische Gerüst – deutlich, vertraut. Während die zeitlichen und geografischen Nachbarn „Northern Lite“ in „Schnakeln“ vorsichtig durchschimmern. Für das „Kruppzeug“ snarrt Kalkbrenner in ganz bekannter Manier über die freundliche, sympathische Basslinie aus Pianoriffs und Drums. „Des Stabes Reuse“ klatsch mit der Eingängigkeit von „Gebrünn Gebrünn“ mit. Und das zwirbelige Saxophon in „Der Breuzen“ zementiert mit aller Deutlichkeit das Bild einer maritimen Lounge in den Kopf. Mein Favorit für diesen Sommer.

Tauglich für die Tanzfläche? Ja, sicher, unbedingt. Behutsam werden wir uns in die vertraute Kalkbrenner-Atmosphäre einlassen und seinem unaufdringlichen Charme folgen. Direkt und live zum Beispiel auf seiner Tour, die am 23. September 2011 in Düsseldorf beginnt und 12 Konzerte zählt.

Das Album macht Spaß und hat sich bereits in der ersten Woche 25 000 mal verkauft. Tendenz steigend. So leise funktioniert Musikbusiness eben doch nicht.

Ich bin Unterstützer: Das Konzert der Stille ist und bleibt in meiner Wahrnehmung ein Geschenk an die Welt. Für die hochwertigen Gastbeiträge und für die oftmals umfangreichen Programmier-Leistungen bemühe ich mich stets um einen Wertausgleich. Wer mir dabei helfen möchte, den bitte ich um seine frEURO auf das Konto Harriet Oerkwitz/ Konzert der Stille, bei der DKB 120 300 00, Kontonummer 1012644777, Betreff: „Ich bin Unterstützer“. Da das Konzert der Stille nicht als gemeinnützige Organisation bewertet wird und somit nicht die Voraussetzung der § 68 ff der Abgabenordnung erfüllt, stelle ich keine Spendenbescheinigungen aus.
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PAUL KALKBRENNER, ICKE WIEDER, REZENSION, BERLIN CALLING, STILLE
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1 KOMMENTAR(E)

So leise funktioniert Musik Buisness??? Fragt sich wie lange noch....heute Nacht in Düsseldorf gab es jede Menge Kritik...Paul Alter....gönn Dir ma ne Pause.!!.man merkt es Dir an dasse keeen Bock mehr hast ewig und immer wieder die gleichen Platten herunter zu `` leiern ``...okay , nen paar kidies für die elektronische Musik irgendwo wat `` Neues `` ist mag es cool sein..dabei zu sein.anders zu sein...aber das Techno ne Lebenseintellung, ne Leidenschaft ist habe ich heute Nacht auf seinem ``Konzert´´in keinster Weise gespürrt...für die meisten end 90-er Rave & Techno Kompanen ist der Sound heilig.....keen Platz für so n rumgeeier.....aber eh, n kreatives Päuschen wird doch drin sein für Paul.... bei 40 Euro pro person, für zwei drei std bissl anne ```Teller´´drehen,gell.!! in diesem Sinne......Allet Jute

 

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ballerini
am 
24. September 2011

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