Ich wünschte, ich könnte dieses Gefühl genießen
Der Berliner Jazzsänger Björn Missal sehnt einer Albumveröffentlichung entgegen
Wir unterhalten uns etwa eine Stunde: Darüber, was ihn antreibt, was ihn inspiriert, warum er Musik macht, welche er selbst gern hört, was seine Songs aussagen, wen er mit diesen erreichen möchte. Die Antworten kommen - wie erwartet - gut überlegt, sachlich und wohl formuliert. Er möchte singen, seine eigenen Texte, über die Ungerechtigkeiten in dieser Welt, darüber, dass man in der Liebe nix vom Wühltisch mit nach Hause nimmt, über zufällige Begegnungen und über die Dramen, die immer mal wieder passieren. Er möchte Menschen erreichen. Sie zum Weinen bringen, wenn sie sich mit seinen Erzählungen identifizieren. Er möchte professionell mit Musikern und Produzenten zusammen arbeiten. Er möchte es richtig gut machen.
Björn Missal, 28 Jahre alt, Jazzsänger, ausgebildet an der Universität der Künste Berlin, zwölf eigene Songs für ein Album in der Tasche, fünf davon sauber abgemischt, fix und fertig produziert und auf seiner Homepage als Hörprobe hinterlegt: „Jetzt ist das Geld alle. Mein oberstes Ziel ist es, einen Vertrag mit einem Label abzuschließen, das meine Songs vermarktet.“ Dafür hat er sich im Januar mit Christina Schwaß von Divarism – Musikmarketing und Musikmanagement – zusammengetan, mit ihr die bisherigen Songs einer Frischekur unterzogen, im Studio probiert, gebastelt, auf ihren Impuls hin die Backvocals aus- und das Bläserensemble einziehen lassen. „Es liegt nicht mehr in meiner Hand – out of control. Dieses Gefühl aus Unbestimmtheit und Unentschiedenheit ist kaum auszuhalten. Ich wünschte, ich könnte es genießen.“ Die Ruhe vor dem Sturm.
Björn Missal wirkt optimistisch. Die Aufnahmen wären gut. Er lächelt und erinnert die vielen Feedbacks über seine Texte und über seine zahlreichen Auftritte und Showcases, bei denen die Atmosphäre stimmte. Er ist glücklich, wenn er aus seinen Träumen heraus die Melodie für ein neues Lied hört und diese besondere Stimmung einfängt. „Irre, wenn Du spürst, ob ein Song auch wirklich geschrieben werden will. Manchmal ist seine Aussage zu unkonkret, manchmal reicht das Material nicht, manchmal ist es einfach viel zu viel.“ Und die Vision und das Konzept - deutschsprachiger, jazziger Pop mit Bläsercombo – sind anders als die anderen, sie sind neu und treffen den Nerv der Zeit.
In den nächsten Wochen wird sich entscheiden, ob sich der lange Ausbildungsweg gelohnt hat und ob sich die Karriere mit dem ersehnten, sicheren Einkommen erfüllt. Denn darauf hat Björn Missal hingearbeitet: In unterschiedlichen Bands, im A-Cappella- und im Landes-Jugend-Jazz-Chor Brandenburg, beim Trampen durch Australien mit der Gitarre unter dem Arm, im Jazz-Orchester, beim Gesangsstudium und hunderten Auftritten und Events. „Ich möchte jetzt loslegen. Ich bin hier.“
Er möchte stolz auf sich sein. Er ist auch nicht nur auf Jazz fixiert, weil diese Musik vom Ego getrieben ist. „Es ist doch nicht wichtig, dass man hört, was man alles kann, sondern dass die Lieder eine Idee und eine klare Aussage haben“, so Missal. Alle musikalischen Stilelemente und Begleitgimmicks müssen Sinn und Bezüge zur dramaturgischen Absicht haben. Das treibt ihn um.
Und dann dieses Gefühl. Dieses Gefühl der Rastlosigkeit. Es begleitet ihn durch die Tage. Er hat es in seinen Song „Hunger“ verpackt. Er räuspert sich, drückt den Rücken durch, lehnt sich nach vorne an das Mikrophon, legt die Hände auf die Tischplatte, schließt die Augen und singt – von diesem Gefühl. Das nicht auszuhalten ist. Das er mit solcher Spannung belegt hat.
Präsent. Mit sich verbunden.
Das Interview nimmt eine angenehme Wende, bekommt Tiefe. „Es sind diese Momente, in denen ich mich lebendig fühle. Auf der Bühne, vor dem Publikum, in meinen Melodien. Es ist so ähnlich, wenn ich sonntags mit dem Rad durch Berlin fahre, ohne Radio und ohne Handy, um die Atmosphäre der Stadt einzuatmen.“ Björn Missal achtet darauf, sich immer bewusst zu sein, was er tut. Und er hat eine Ahnung von dem, was man beiläufig den Sinn des Lebens nennt. Dieses kleine Gefühl, diese Atmosphäre, diese Stimmung – er möchte sie greifen.
Pause.
Es ist eine große Herausforderung, begibt er sich in die Hierarchien und Strukturen des Musikbusiness. Sich treu bleiben und für das Massenpublikum den einen oder anderen Song verändern müssen, darin sieht Björn Missal keinen Widerspruch: „Ich wiege gut ab, wer mir was zu welchem Song rät. Außerdem geht es doch darum, was mir wirklich wichtig ist. Und dann diese berühmte Frage nach dem Erfolg.“ Er schmunzelt. Suchend schaut er sich um. Wer weiß die Antwort?
Das Konzert der Stille wünscht Björn Missal, dass er in dieser wirtschaftlich ausgerichteten Umgebung seinen Raum für Kreativität, für diese kribbelige Spannung und für die Rastlosigkeit bewahren kann. Denn dann entstehen Lieder, die wie „(Lebens-) Hunger“ klingen.









