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VON HARRIET OERKWITZ
25. JULI 2014

Improvisation in Leben und Kunst

Klaus Holsten rezensiert „Free Play“ von Stephen Nachmanovitch

Fast eine Generation nach dem Erstdruck ist eine deutsche Fassung von »Free Play« erschienen, ein Buch über die Spiritualität kreativer Prozesse in Leben und Kunst, dem Lebensthema des amerikanischen Musikers und Künstlers Stephen Nachmanovitch.

Der universell gebildete Autor hat seine Wurzeln in der künstlerischen und politischen Aufbruchsbewegung der 70er Jahre. Sein Werk erscheint jedoch heute aktueller denn je, nachdem sich das Thema Improvisation aus seiner Nische befreien konnte. Der deutsche Untertitel »Kreativität geschehen lassen« lenkt allerdings zunächst auf eine zu schmale Spur. In der amerikanischen Version lautet er »Improvisation in life and art«, was der kulturellen Tragweite dieses Buchs weitaus besser gerecht wird.

Nachmanovitch richtet sich nicht nur an Menschen, die mit Musik umgehen. Vom Anfang bis zum Schluss versteht er es, die universelle Dimension des Improvisierens als Baustein jeglichen kreativen Schaffens im Auge zu behalten. Bei der Lektüre von »Free Play« hat man das Gefühl, mit dem Autor in ein langes Gespräch über die essenziellen Fragen künstlerischen Tuns einzutauchen, die immer auch die Fragen zu den wesentlichen Dingen des Lebens sind – das Schöpfen, Schaffen, Verfeinern, Reifen, Überwinden von Hemmnissen, das Sich-Verbinden mit den gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart und nicht zuletzt mit dem Mehr-als-Menschlichen.

Nachmanovitch überfüllt seine Leserinnen und Leser nicht mit einfachen Antworten. Statt zu konstatieren, lenkt er die Aufmerksamkeit immer wieder auf die Polarität in allem Lebendigen. Dabei dienen naheliegende Phänomene wie Systole und Diastole unseres Herzschlags als häufig verwendete Symbole für Polares und verdeutlichen das ewige Changieren zwischen Vernunft und Intuition, dem Ego und seinem Verschwinden, Fließenlassen und Beurteilen. In einer wohltuend lockeren Art lädt er zu weiten Blicken in die Kulturgeschichte ein, als sei man ganz selbstverständlich auf Du und Du mit Sokrates, Beethoven oder Kandinsky.

Das übersichtlich gegliederte und mit einem Schatz an Anmerkungen und Literaturhinweisen versehene Buch ist durchzogen von inspirierenden, poetischen Zitaten und Gedichten der Weltliteratur – von Menschen, die das Hineinfühlen in künstlerisches Schaffen, die Freud und Leid der Inspiration sowie die Wirkung guter Kunst auf ihre Rezipienten meisterhaft in Worte gefasst haben. Wie in einem guten Vortrag durchmischt Nachmanovitch persönliche Erfahrungen und Anekdoten mit Profundem und bringt seine Leserinnen und Leser mit einer unbeschwerten Mischung aus fast flippiger Alltagssprache und philosophischer Gedankenschärfe in Balance zwischen zustimmendem Schmunzeln und lange nachwirkender Nachdenklichkeit.

 

Diese Rezension von Klaus Holsten erscheint in der OYA-Ausgabe September/ Oktober 2013.


Klaus Holsten: 1951 in Hamburg geboren, Studium an den Musikochschulen Hamburg und Zürich, künstlerisches und pädagogisches Diplom, langjähriges Mitglied als Flötist an der Bayrischen Staatsoper, europaweite Konzerttätigkeit, Aufbau des “Klang & Körper” Musikprojekts, umfangreiche Seminartätigkeit (“Improvisationswerkstatt”, “Mit Tönen sprechen”, “Flötenklang an Naturplätzen”), intensive Kursarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen, Gründungsmitglied der Europäischen Akademie der Heilenden Künste e.V., Lehrauftrag für Improvisation an den Musikhochschulen Hamburg und Rostock, Ensemble-Mitglied www.axis-duo.de


Weitere Artikel von Klaus Holsten auf dem „Konzert der Stille“: „Das Tor zur (Lebens)Kunst. Gedanken zur musikalischen Improvisation“

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SCHLÜSSELWÖRTER 
KLAUS HOLSTEN, FREE PLAY, REZENSION, STEPHEN NACHMANOVITCH
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