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VON HARRIET OERKWITZ
14. JULI 2011

Jeder darf seine Kreativität in die Welt tragen

Im Gespräch mit Sabine van Baaren über Urkräfte der Musik und über archaische Gesänge

Sabine van Baaren
Quelle: Evelyn Maria Augustin

Sabine van Baaren lädt als Solistin ("Voice to heart") oder gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Mark Joggerst ("A.WA.KE") zu ungewohnt freien Konzerten und Heilgesangsabenden ein. Ihre Gäste stimmt sie zunächst auf dieses Experiment ein, spannt einen angenehmen Raum aus Stille und Entspannung auf, in dem sie mit ihrer Stimme improvisiert. Es entstehen archaische Gesänge und Monologe, gepaart mit vertrauten, harmonischen Bausteinen und zarten melodischen Passagen. Jeder Abend klingt anders. Jeder Abend fühlt sich anders an. Das Konzert der Stille fragt nach dem Geheimnis ihrer Klangarbeit:

 

Warum ist es Ihnen wichtig, Ihre Gäste vor dem eigentlichen Konzert in eine meditative Stille zu begleiten?

Wenn wir uns mit der Familie, dem Job und dem Chaos um uns herum beschäftigen, dann haben wir eine lebendige, unruhige Energie in uns. Wenn wir in Berührung mit den tieferen Schichten, mit unserer Quelle und der spirituellen Weisheit in uns kommen wollen, dann ist es wichtig, den Alltag loszulassen. Wir erlauben uns diesen Raum und öffnen uns für den Zugang zu einer anderen Ebene. Wir entspannen uns, atmen ruhig, und setzen uns ganz bequem. So kommen wir in Kontakt mit unserer eigenen Tiefe.

 

Muss Ihr Publikum Meditationserfahrungen haben?

Einige Gäste haben Erfahrungen mit Meditation, andere haben eine Meditation noch nie erlebt. Das einzige, wozu ich einlade, ist, sich für all das, was ihnen an dem Abend an Erfahrungen, an Kraft, an Gefühl und an Erkenntnissen geschenkt wird, zu öffnen.

 

Was fühlen Sie während dieser Meditation?

Das wechselt jeden Abend. Es sind ja nie die gleichen Menschen bei meinen Konzerten und Heilgesangsabenden anwesend. Und da wir alle im Wandel sind, ändern sich auch die Kraft und die Präsenz im Raum, selbst wenn es die selben Menschen wären. Ich schöpfe aus dem Moment, aus dem, was präsent ist. Es gibt zum Beispiel einen Gast, der akut viel Traurigkeit in sich trägt. Und jemand anderes braucht unbedingt eine klare Erkenntnis für seinen Job und ist mit einer ganz anderen Frage und einem ganz anderen Gefühl beschäftigt. Die Traurigkeit benötigt die Energie des Trostes, der Offenheit und des Mitgefühls und die Sehnsucht nach Klarheit und Entschiedenheit braucht wiederum eher die Energie einer Reinigung. Ich werde während der Meditation inspiriert und gebe die verschiedenen Schwingungen weiter. Je nachdem, was ansteht.

 

Das bedeutet, dass sie ein hohes Maß an Sensibilität für den geschützten Raum und für die Menschen haben. Woher kommt diese Begabung?

Sicherlich ist mir einiges in die Wiege gelegt worden. Dazu komme ich aus einer Musikerfamilie, in der Kreativität gefördert wird. Ich bin das Vierte von fünf Kindern. Ich habe früh lernen müssen, feinfühlig zu sein und auf mich selbst zu achten. 

Ich bin jetzt 51 Jahre jung und habe einen langen Weg der Achtsamkeit gelernt. Schon mit 23 Jahren, als ich nach Deutschland kam, begann meine spirituelle Suche. Ich habe meditiert, viele Werkzeuge und Übungen gelernt und mich aktiv immer wieder mit den Themen der Bewusstseinserweiterung beschäftigt und eine Ausbildung zur Heilerin gemacht.

Sicherlich sind eine Veranlagung und eine grundsätzliche Bereitschaft, sich anderen Menschen zu öffnen, wichtig. Mit der Zeit hat sich diese intensive Sensibilität manifestiert.

 

Wenn Sie von unterschiedlichen Energien im Raum sprechen, was meinen Sie konkret damit. Sind das Schwingungen, die Sie hören können? Sind das Schwingungen, die Sie am Körper spüren? Sind das Schwingungen, von denen Sie einfach nur eine Ahnung haben?

Ich fühle, dass sich die Kraft im Raum verändert. Es wirkt das Gesetz der Resonanz. Ist viel Krankheit in der Gruppe, ist die Schwingung anders, als bei Menschen, die gesund sind. Manchmal spüre ich dann klare, warme, leuchtende Schwingungen neben mir. Das berührt mich sehr. Manchmal kann ich in diese Gefühle eintauchen, dabei bleibe ich klar und gebe diese Gefühle weiter.

 

Und wie wird aus dem Gefühl die Musik?

Das passiert von ganz allein. Ich denke nicht darüber nach. Ich kann auch nicht wiederholen, was ich eben noch gesungen haben. Ich entscheide nicht, welche Melodie jetzt dran ist oder welcher Rhythmus gut klingen würde. Da kommen manchmal lange Töne in einer tiefen oder hohen Stimmlage, die ich unter normalen Bedingungen nicht so einfach singen könnte. Es fließt durch mich durch.

Ganz häufig bete ich auch. Ich bitte darum, dass die Gäste sich gut fühlen, dass sie gut aufgehoben sind, dass ihr Körper alles verkraftet. Oft benutze ich die Pausen, die entstehen, für Reinigung und Klärung. 

 

Versuchen Sie manchmal analytisch mit dem Kopf zu verstehen, wie die Musik entsteht? Sie haben Klavier und Gesang gelernt. Da ist doch auch ein musikwissenschaftlicher Geist in Ihnen.

Alles begann, als plötzlich diese Sprachen aus mir herausbrachen. Da fühlte ich sofort, das ist meine Heimat - liebevoll, authentisch, warm und wahrhaftig. Das ist meins. Als dieses klare Gefühl in mir präsent war, konnte ich mich diesem hingeben. Ich bin oft froh, dass ich diese Sprachen nicht verstehe, dass ich sie nicht ins Deutsche übersetzen kann. Mein Ego ist von den gesagten Dingen somit frei. Wenn Nachrichten auf mich zukommen, kann ich sie weitergeben, ohne dass ich mich mit meinen eigenen Gedanken einmische.

Ein anderer Teil von mir ist auch neugierig und hat viele Fragen. Mich inspiriert bespielweise die weibliche Kraft im besonderen Maße.

 

Es gibt viele Kulturstämme und Völker, die ebenso archaische Gesänge pflegen. Können sie die unterschiedlichen Sprachen erkennen und differenzieren? Ist Ihnen eventuell in der eigenen Musikrezeption etwas begegnet, das Ihnen vertraut vorkam?

Ich reflektiere, dass Klänge und Begriffe aus der Inkakultur stammen. Schwingungen kommen aus der hawaiianisch-polinesischen Ecke, ich höre indianische, scharmanische Ursprachen, jüdisch ist dabei. Viele Menschen berichten, dass mein Gesang an die aramäische Sprache erinnert. Letztens hat eine Frau erzählt, dass sie im Flugzeug altsyrisch gehört habe und sich sofort mit meiner Musik verbunden fühlte.

Jeder Konzertbesucher oder Gast eines Heilgesangsabends trägt diese Urkräfte in sich, die Metapher und Bilder hervorrufen. Diese melodischen, harmonischen Klänge und Texte wirken oft zart und berühren das Herz. Sie helfen uns, zu erinnern, wer wir wirklich sind.

 

Es gibt Heilgesangsabende, da laden Sie als Solistin ein. Manchmal haben Sie einen musikalischen Partner, Mark Joggerst am Klavier, und treten als Duo „A.WA.KE“ auf. Wie kommunizieren sie miteinander?

Mark ist ein wunderbarer Musiker und Pianist und äußerst feinfühlig. Wenn er anfängt zu spielen, berührt es mich und mein Herz öffnet sich.

Er ist auch Synästhetiker. Wenn er etwas hört, sieht er gleichzeitig Farben. Auf der Bühne oder bei den Studioaufnahmen unserer CD „Remember who you are“ erspüren wir zunächst uns und den Raum. Wir stimmen uns aufeinander ein. Das ist unser Ritual. Dann hat einer von uns einen Impuls und beginnt zu spielen. Der andere wird inspiriert, berührt und trägt seine Musik dazu. Das ist ein Abenteuer. Das ist unser Klanggebilde.

Die Voraussetzung ist sicherlich, dass wir uns sehr schätzen, achten und uns im musikalischen Geschmack ähneln und ergänzen. Wir mögen, was wir können. Das Publikum kann es hören und vor allem fühlen.

 

Wie können Sie unterscheiden, was Ihre eigenen Gefühle und Schwingungen sind und was aus dem Publikum wächst?

In dem Moment, in dem ich mich für die Begegnung mit dem Publikum öffne, wird meine eigene Gefühlswelt wieder zur Seite geschoben. So entsteht der Raum für das, was der jeweilige Zuhörer braucht. Natürlich bringe ich meine Persönlichkeit und meine Tagesstimmung, meine Ängste und meine Wünsche mit. Während des Konzertes und der Heilgesangsabende habe ich das Ziel, dass ich mich nicht mit mir, sondern ausschließlich mit den Menschen befasse.

 

Über welches Feedback freuen Sie sich?

Ich nutze jetzt die Gelegenheit Ihrer Frage und bedanke mich herzlich bei den Menschen, die mir vertrauen und liebevoll von der Begegnung mit mir berichten. Ich bekomme viele Komplimente. Die Zuhörer sind oft berührt von meiner Stimmqualität und erzählen lebendig, was ihnen während des Konzertes oder der Gruppenabende passiert ist. Sie berichten von einer tiefen Liebe und Geborgenheit. Mich freut es, wie viel Kraft freigesetzt werden kann. Bei jeder Einzelsitzung fühle ich mich gleichfalls beschenkt und bin ebenso dankbar wie der Klient.

 

Sind sie ein glücklicher Mensch?

Ich lerne immer mehr, auf mich zu achten und diese Liebe auch genießen zu können. Ich habe eine Aufgabe, die mir sehr gefällt. Ich habe Werkzeuge - meine Musik, meine Sprachen, meine Stimme -, die ich in die Welt tragen darf.  Ja, ich bin oft ein glücklicher Mensch.

 

Wenn Sie Aufnahmen Ihrer Konzerte hören oder das Ergebnis eines Tages im Studio, was fühlen Sie? Worauf achten Sie?

Das ist verschieden. Unsere CD „Remember who you are“ hat komponierte Songs und arrangierte Lieder von Mark und mir, bei denen wir sehr auf die Qualität der Aufnahmen achten. Uns ist wichtig, dass das Gefühl transportiert wird, welches wir gezielt aussenden möchten. Da pflegen wir den höchst möglichen Anspruch. Wir achten darauf, dass die Texte, die Energie und die Inhalte stimmig transportiert werden. Da feilen wir mehrere Tage daran, ergänzen Chöre und Instrumente, bis das Bild vollständig ist.

Die Heilarbeit, die Improvisationen, die aus dem Moment entstehen – das sind bei der aktuellen CD etwa die Hälfte der Tracks – an denen rütteln wir nicht dran rum. Da spüren wir gemeinsam, was wir dabei empfinden und ist der Bogen so weich und wertvoll, dann darf die Aufnahme mit auf die CD. Das sind also zwei völlig verschiedene Prozesse.

 

Wenn Sie dem Leser des Konzertes der Stille mit wenigen Worten von Ihrer CD „Remember who you are“ erzählen sollen, was erscheint Ihnen dann besonders wichtig? Wie klingt Ihre Musik?

Uns zeichnen unsere Improvisationen aus. Wir nehmen – entgegen den Jazzmusikern – beim Improvisieren keine Vorlagen oder musikalische Fragmente, schöpfen aus dem Nichts und lassen uns wirklich von der mystischen Quelle, mit der wir uns verbunden fühlen, inspirieren. Wir gehen gern in die Natur oder in die Stille, um mit dieser Quelle in Kontakt zu kommen.

Unsere Texte möchten Mut geben, Vertrauen schenken, wollen daran erinnern, wer wir sind. Wir Menschen werden heutzutage durch die Medien mit Sorgen und mit Ängsten überfüttert. Unsere Musik möchte die andere weiche, liebevolle Seite in uns berühren und den spirituellen Teil in uns kräftigen.

Mark und ich haben viele Auftrittserfahrungen und eine Grundschule hin zu professionellen Musikern durchlaufen. Das ermöglicht uns die Produktion einer facettenreichen CD.

 

Welche Musikerkollegen inspirieren Ihre Arbeit? Bei welcher Musik finden Sie Entspannung?

Früher habe ich nonstop Musik gehört. Geprägt haben mich James Taylor und Stevie Wonder. Heute bin ich auf der Suche nach Kultur, die ich nicht kenne: Ich werden häufig bei Sendungen vom WDR 5 fündig, bin überrascht und tauche in eine Welt ein, die mir Spaß macht und mich fasziniert.

 

Gab es Fragen, wo Sie spüren, da reiße ich ein Thema auf, aber treffe es nicht wirklich? Gibt es etwas, was Sie unbedingt ergänzen wollen?

Ich fand das Gespräch sehr angenehm und konnte vermitteln, wie ich meine Musik aktuell erlebe und sehe. Was ich vielleicht noch sagen kann: Ich gehöre zu den Menschen, die früher besonders viel Mut brauchten. Es ist nicht so, dass ich eine Gabe habe und schwupps, alles geht von allein. Es hat mich oft viel Überwindung gekostet, auf der Bühne wirklich das machen zu können, was ich spüre und bin. Ich hatte früher Angst und habe sehr unter ihr gelitten.

Ich denke, dass es meine Aufgabe ist, anderen Menschen mit meiner Klangarbeit Mut zu machen und Heilung zu bringen. Jeder hat einen Platz in dieser Welt und darf seine Kreativität in die Welt tragen.

Das Konzert der Stille bedankt sich für das Interview.

Zahlreiche Hörproben der aktuellen CD finden sich unter: www.sabinevanbaaren.de.

Seelensprache von Sabine van Baaren: Ausschnitt 1

Ausschnitt 2

Ich bin Unterstützer: Das Konzert der Stille ist und bleibt in meiner Wahrnehmung ein Geschenk an die Welt. Für die hochwertigen Gastbeiträge und für die oftmals umfangreichen Programmier-Leistungen bemühe ich mich stets um einen Wertausgleich. Wer mir dabei helfen möchte, den bitte ich um seine frEURO auf das Konto Harriet Oerkwitz/ Konzert der Stille, bei der DKB 120 300 00, Kontonummer 1012644777, Betreff: „Ich bin Unterstützer“. Da das Konzert der Stille nicht als gemeinnützige Organisation bewertet wird und somit nicht die Voraussetzung der § 68 ff der Abgabenordnung erfüllt, stelle ich keine Spendenbescheinigungen aus.
SCHLÜSSELWÖRTER 
SABINE VAN BAAREN, REMEMBER WHO YOU ARE, ARCHAISCHE GESÄNGE
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