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VON DR. CARSTEN SCHMIDT
02. MAI 2012

Kafkaeskes Schweigen in Steglitz

Teil 5 der Serie: Hauptstadt mit allen Sinnen von Dr. Carsten Schmidt

Foto: Dr. Carsten Schmidt

Fahr doch, da vorn! Meine Güte! Schnell! Wo ist es denn, irgendwo muss es – kannst du denn nicht aufpassen? Ich hup auch gleich mal! Zweite links oder dritte? Unter den Eichen Richtung Potsdam – ja, hier. Mann, so ein Stress aber auch. Weiter nach Zehlendorf. Ja, ich will hier rum, genau, durch diese Lücke, schieb dein Fahrrad doch gleich. So, danke. Jetzt aber los, der Park hat nur noch zwei Stunden auf. Mist, Ausfahrt, hier geht´s nicht; muss ich woanders parken. Junge, nimm mir den nicht weg, den hab ich zuerst – zack, ja, da guckste, ich steh´ jetzt hier. Schnell, jetzt aber nichts wie – ein Erwachsener, ja, guten Tag. Aha, für den Rundgang hier zum Teich runter, aha, über die…Puh!

 

Die Schuhe knirschen auf Kies. Enten gackern und der eigene schnaufende Atem wird hörbar. Die Sonne kitzelt sich durch die wenigen weißen Wolken. Wo beginne ich den Spaziergang? Das Telefon darf jetzt aus sein, einfach aus.

Man fällt regelrecht in ein Loch der Ruhe, wenn man den Botanischen Garten in Berlin-Steglitz besucht. Stolze 27 Kilometer südlich von unserem letzten Entdeckungspfad Alt-Tegel, in einer völlig anderen Gegend der Stadt. Große, laute und mehrspurige Hauptstraßen umsäumen auch diesen Park, aber er ist mit seiner Größe von über 400.000 Quadratmetern mächtig und lädt ein, sich hinein zu flüchten.

Viele Besucher stapfen noch aufgeregt und hektisch durch die ersten Wege, um dann langsamer zu werden, durchzuatmen und an ihre Kamera zu denken, die sie ja mitgebracht haben, um einen ruhigen Blick zu finden – und die Schönheit von Gewächsen einzufangen.

Von jetzt auf gleich scheint es aber nicht zu gehen. Man braucht ein paar Minuten. Tiefrote Tulpen und gelbe Krokusse sonnen sich neben Stiefmütterchen. Viele Beete der subtropischen Regionen sind noch grau oder braun im Mai, aber die großen Wiesen von frischem Gras, die blassrosa blühenden Magnolien und der Duft von Frühling beruhigt sofort.

Vor allem jedoch findet man sich angepasst an die anderen Besucher; an ihre Stimmung. Während man draußen der Hektik und Geschwindigkeit der pulsierenden Ampelschübe sich unterwirft, ist hier ein Publikum ansässig wie in einer Bibliothek. Natürlich. Wer geht schon in einen Botanischen Garten? Ruhige Menschen, die Entspannung suchen. Und Menschen, die sich mit Pflanzen gut auskennen oder sie schön finden. Kaum jemand spricht. Niemand läuft oder brüllt. Viele sitzen auf Bänken, dösen, schlummern, filmen – und grüßen einander wie gute Freunde in der Oper, die sich seit Jahren kennen und mit ihrem Mann oder den Kindern dem Park über die Jahre zwei, drei Bänke gespendet haben.

Als ungeübter Besucher eines Botanischen Gartens wird man unverzüglich angesteckt von der tiefen Atmung und den wissenden, lächelnden Blicken, die die Stammgäste hier über die Wiesen und auf Schilder werfen. Eine Gruppe von älteren Damen steht lachend vor einem kleinen Teich mit gelben großen Wasserrosen. Das Nass plätschert gemütlich, und für sie scheinen die Pflanzen, Stauden und Bäume gute Bekannte zu sein.

Über 300 Jahre alt ist dieser Botanische Garten, der sich rühmt, einer der bedeutendsten der Welt zu sein. Vor allem, wenn man im Nordteil der Grünanlage in die beeindrucken Gewächshäuser geht – deren altmodische Kuppeln an Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ erinnern – glaubt man es und versteht auch, dass über 20.000 Pflanzenarten eine Menge Platz benötigen.

Tatsächlich fühlt man sich wie in einer riesigen Unterwasserwelt. Durch einige Türen erfährt man luftige Erfrischung, es gibt kühlere Räume für Begonien, etwas wärmere mit baumdicken Kakteen, und auch richtige heiße, tropisch feuchte Häuser, wo Wasserfälle und Dunstwasser an den Scheiben den Besucher nicht nur überraschen, sondern durch die Wärme ihn auch zum Ausziehen der Jacke zwingen. Künstliche Bäche und Hügel verschönern die Atmosphäre. Zwitschernde einheimische Vögel haben es sich hier unterm Dach gemütlich gemacht – leicht verständlich. Leise sprechende Gäste gehen vorbei und streifen ab und an sanft die Blätter, Stämme und Blüten. Es ist wahrhaftig für alle Sinne etwas da. Alles findet man – nur keinen Krach.

Ein häufiger Gast dieser Anlage, seines Zeichens nicht nur hochsensibel sondern auch sehr geräuschempfindlich, war kein Geringerer als Franz Kafka, für manche der bedeutendste Dichter des 20. Jahrhunderts. Er war nicht zufällig hier im Botanischen Garten, sondern suchte vor allem in seinem letzten Lebensjahr 1924 gezielt Entspannung und Ruhe in Steglitz.

Sein Elternhaus in Prag nannte er das „Hauptquartier des Lärms“. Tatsächlich kam Kafka wesentlich öfter aus „seinem Prag“ heraus, als es oft vermittelt wird. Gern wird Kafka als dunkle Gothic-Karikatur seiner selbst gezeichnet, mit Augenrändern in schwarz-weiß und oft auf seine bedrückende Krankheit reduziert. Aber ganz im Gegenteil war er viel lebensfroher, naturverbundener (Vegetarier), geselliger und lustiger, als viele Deutschlehrer es abschreckend vermitteln und es manche seiner präzisen, bis auf die letzte Silbe exakten Parabeln und Kurzgeschichten vermuten lassen.

Nur wenige Minuten vom Botanischen Garten entfernt wohnte er mit seiner letzten Geliebten Dora Dymant in der Grunewaldstraße 13, später in der südlicher gelegenen Busseallee 7. Man kann den hektischen, lauten Berlinern viel vorwerfen – nicht aber, dass sie Kafka vergessen hätten. An beiden Adressen sind Gedenktafeln angebracht.

Kafka schrieb davon, „tief dankbar“ zu sein, in Steglitz zu wohnen, damals noch ein ruhiger Vorort. Immerhin war auch die Wohnung in der Busseallee ganze 13 Kilometer weg von einem der damals brodelnden Zentren des Berliner Molochs, dem Potsdamer Platz. Nur leider schadete der kalte Inflationswinter 1923/ 1924 seiner Gesundheit noch mehr. Seine Freunde hofften, er werde in einem Sanatorium nahe Wien zumindest vorübergehend Erholung finden. Seine Tuberkulose jedoch war schon zu fortgeschritten. Für ihn waren die Berliner Zeit 1923/24 und die vielen Spaziergänge in den Steglitzer Grünanlagen ein zweites Aufblühen, ein Zurückerobern einer Stadt, die er schon 1917 als Wohnort verloren glaubte.

Zweimal verlobte er sich mit der Berlinerin Felice Bauer, schrieb ihr hunderte Briefe – und es wurde doch nichts. Seine erste Entlobung kurz vor dem Ersten Weltkrieg beschrieb er übertrieben wie ein Tribunal im Gerichtssaal und animierte ihn vermutlich zum weltberühmten Roman „Der Prozess“. Das „Gericht“ der Entlobung wurde damals gehalten in einem Hotel ganz in der Nähe vom Anhalter Bahnhof in der heutigen Stresemannstraße.

Das Hotel steht nicht mehr und war benannt nach dem Adelsgeschlecht der Askanier – derjenigen Grafen, wie wir im Beitrag über Alt-Tegel erfuhren – welche die Mark Brandenburg gründeten. Das Hotel hieß „Askanischer Hof“ und hat mit dem heutigen, gut 5 Kilometer entfernten gleichnamigen Haus auf dem Kurfürstendamm aber auch gar nichts zu tun. Und so sehr die PR-Leute des Hotels heute mit der Lüge werben – Kafka war nie in ihrem lauten Haus. Er ging lieber still in Steglitz spazieren.

Dr. Carsten Schmidt

Dr. Carsten Schmidt

Dr. Carsten Schmidt, Germanist, 33, ist freier Lektor und Journalist in Berlin. 2010 erschien von ihm „Kafkas fast unbekannter Freund“ bei Königshausen & Neumann.

Dr. Carsten Schmidt ist für das Konzert der Stille stets auf der Suche nach dem "stillen" Berlin unter dem Titel "Hauptstadt mit allen Sinnen". Was können Sie Sinnliches und Sinnvolles in der Hauptstadt unternehmen?

Im Überblick:

Hauptstadt mit allen Sinnen, Teil 5 "Kafkaeskes Schweigen in Steglitz"

Hauptstadt mit allen Sinnen, Teil 4 "Auf Humboldts Frühlingsspuren in Alt-Tegel"

Hauptstadt mit allen Sinnen, Teil 3 "Ruhe im Treptower Park"

Hauptstadt mit allen Sinnen, Teil 2 "Die Frau hinterm Horizont"

Hauptstadt mit allen Sinnen, Teil 1 "Das Berliner Pergamon-Panorama"

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DR. CARSTEN SCHMIDT, HAUPTSTADT MIT ALLEN SINNEN, KAFKA, STEGLITZ, BOTANISCHER GARTEN
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