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VON DR. CARSTEN SCHMIDT
10. DEZEMBER 2011

Klang-, Augen-, Ruhe- und Denkerlebnis in einem

Hauptstadt mit allen Sinnen, Teil 1: Das Berliner Pergamon-Panorama

Das Berliner Pergamon-Panorama
Foto: Dr. Carsten Schmidt

Verpackung und Inhalt

Seit einigen Wochen steht vor dem Eingang des Pergamon-Museums auf der Berliner Museumsinsel ein rundlicher Gerüst-Bau, der an eine Mischung aus Baustelle und Wasserturm erinnert. Von außen erblickt man Stäbe, und dunkle Bauteile sowie Stahlstreben bis in eine Höhe von über 20 Metern. Im Umfang misst das Riesen-Rollen-Ungetüm 100 Meter.

Selten jedoch überwog der Inhalt derart eine unscheinbare, metallisch-bizarre Hülle. Durch einen überdachten Verbindungsgang zwischen Panorama und dem richtigen, vor über 80 Jahren eröffneten Pergamonmuseum, steigt man enge Treppen hinauf. Was einen erwartet, ist gewaltig. Bereits vor Erklimmen der letzten Stufe sieht man dutzende Quadratmeter von stoffbespannten Wänden um sich, die farblich gefärbt oder beleuchtet sind. Man steht auf einer Plattform, die irrsinnige Blicke auf eine antike Landschaft gewährt.

Im Panorama des Künstlers Yadegar Asisi ist die antike Stadt Pergamon nach-animiert, ein 360° Rundumblick auf die griechisch-römische Herrschafts-Stätte, die wie Troja in der heutigen Türkei liegt; die hier dargestellte Landschaft liegt in der Provinz „Bergama.“

 

Das synästhetische Erleben

Aber es ist dunkel, Nacht sogar. Ganz oben – auf Höhe von 23, 24 Metern – sieht man Wolken und sogar kleine Sternengruppen. Dutzende Menschen stehen auf der Plattform, aber man erkennt kaum ihre Umrisse, Mäntel, Schultern. Fast alle sind ruhig und lassen das Riesen-Bild auf sich wirken. Sinneseindrücke überschneiden sich. Ganz leise im Hintergrund hört man Knistern und Holzknacken von Feuerstellen, die auf den Wänden in der nächtlichen Landschaft unter Kiefern und Pinien phosphoreszierend hervorgehoben sind. Man sieht weißen Rauch an einigen Stellen. Zikaden zirpen und eine sanfte Musik, ein Lullaby mit Harfen, empfängt die Besucher. Wie gebannt starrt man ins Dunkel, scheint Dachziegel, Wege oder Säulen zu erkennen. Manche flüstern: „Schau mal, ist das ein Haus?“ Dann wird der Blick klarer. Haben sich die Augen angepasst? Nein, es wird mehr und mehr Licht in den Raum gebracht, offenbar hinter dem Wand-Stoff; im Raum selbst ist keine einzige Lampe zu sehen. Die Landschaft wird klarer, Sterne verblassen und die Musik wechselt ins Hymnische und begrüßt einen neuen Tag.

Man tastet sich stückweise herum, braucht schon Minuten für wenige Details auf den über 2000 Quadratmeter „Bild“ und entdeckt immer mehr. Ein Hund wacht auf und bellt in der Ferne, man hört Geräusche und Klänge des Tages. Langsam offenbart sich durch den erhellenden Morgen ein ganzer antiker Ort, eine Unterstadt am Flusstal, mit Gischt, Brücken, überdachten Gängen, rötlichen Ziegeln, helleren Kalksteinen, in die Stadt zuckelnden Handwerks-Pferdekarren und jeder Menge bis auf die Blüten exakt sichtbarer Vegetation, die in der Ferne in Hügeln sich ausbreitet und Stadien sowie auch Grabhügel vor den Toren der Metropole umrankt. Es erwacht ein Feiertag. In die Stadt ziehende Menschen mit farbigen Kleidern, Blumen und Bändern werden von den Einwohnern freudig empfangen.

Der Provinz-Regierungssitz Pergamon begeht ein Fest zu Ehren vom Wein-und Freudengott Dionysos in einem riesigen Amphitheater, das man kaum mit beiden Augen erfassen kann. Etliche Besucher sitzen auf den Rängen, man schreitet die Leinwände entlang und erblickt dahinter eine ganze Oberstadt (Akro-Polis), auf der ein Athena-Tempel und eine Ruhmeshalle für Kaiser Trajan stehen. Die Szene stellt das Einkehren von Kaiser Hadrian nach. Er besichtigt die Bauarbeiten an der hohen Mauer hin zum Tempel. Hadrian – der am anderen Zipfel des Römischen Reiches den berühmten Wall gegen die Krieger des heutigen Schottlands errichten ließ – wird hier als etwa 50jähriger Kaiser im Theater empfangen.

Er selbst ist kaum zu erkennen, aber man sieht Blumen, die ihm und Gefolgsleuten entgegen fliegen; eine freundliche Menge nimmt ihn auf. Wenn man sich weiter um die Plattform bewegt, gelangt man vorbei an einer imaginären Treppe, die zur Akropolis hinaufführt. Bunt gekleidete Frauen und Männer eilen herab oder hinauf, unten gibt es eine Badeszene, wo auch der dunkle Rücken einer Sklavin zu entdecken ist. Einfache Leute tragen grau, beige oder weiß. Überall erklingen auch hier leise Töne. Die sich auf dem Rasen im Wein-Rausch kugelnden Arbeiter einer Steinmetz-Werkstatt sind witzig anzusehen und sogar das Picken ihrer Meißel ist hörbar.

Dann sieht man ihn weiter rechts, den großen Pergamon-Altar. Man erkennt, dass vor kurzem auf ihm geopfert wurde, sieht viele freudige Menschen den Vorplatz wie einen Markt und Treffpunkt nutzen, farbige Säulen von Göttern und Herrschern, die die Seitenwände des Altars zieren. Auch hier hört man das Lachen von Kindern, leises Rattern von Karren und Glockengeräusche.

 

Wirkung und Wert

Hier schließt sich der große Kreis. Man sieht viele Panorama-Besucher, die auf das Bild schauen und lächeln, sich freuen, mit Fingern auf Details zeigen wie eine entdeckte Katze oder Burschen, die sich in Sträuchern fangen – sehr leicht lassen sich zwei Stunden hier verbringen und in Ruhe können die Einzelheiten wirken – dennoch werden einem beim zweiten Besuch noch weitere Kleinigkeiten auffallen.

Wer möchte, kann den echten Pergamon-Altar nebenan im Museum betrachten und geschichts-geographisch weiter in Richtung Osten und Süden gehen, denn das berühmte babylonische Ischtar-Tor steht ebenfalls im meist besuchten Museum Berlins.

Dem in Wien geborenen Künstler mit persischen Wurzeln - Yadegar Asisi – ist eine grandiose Leistung gelungen. Klang-, Augen-, Ruhe- und Denkerlebnis in einem.

Leider darf man nicht an die Wände herantreten. Mutige „Anfasser“ berichteten, es fühle sich wie Samt an. Wie aber die 3D-ähnlichen Tiefeneffekte der Landschaften, die Klangerlebnisse und Lichtstimmungen von winzigen nächtlichen Sternen bis zum Glitzern der Oberfläche vom entfernt hervor lugenden Mittelmeer erzeugt werden, bleibt Geheimnis der wenigen Mitarbeiter um Asisi. In Dresden und Leipzig – den Städten seiner Jugend und des Studiums – zeigte er bereits den Amazonas, das barocke Dresden, den Mount Everest und das antike Rom.

Nun kann man bis September 2012 Pergamon sehen, wie es – unter Absprache mit Historikern und Archäologen – wohl ungefähr 100 Jahre nach dem Tod von J. Caesar aussah. Für Schüler und Erwachsene zum ganzheitlichen Verständnis von Geschichte: unbezahlbar.

Gedanken zum Autor Dr. Carsten Schmidt

Dr. Carsten Schmidt
Dr. Carsten Schmidt

Dr. Carsten Schmidt, Germanist, 33, ist freier Lektor und Journalist in Berlin. 2010 erschien von ihm „Kafkas fast unbekannter Freund“ bei Königshausen & Neumann. 

In den kommenden Wochen ist Dr. Carsten Schmidt auf der Suche nach dem "stillen" Berlin unter dem Titel "Hauptstadt mit allen Sinnen". Was können Sie Sinnliches und Sinnvolles in der Hauptstadt unternehmen? Auf dem Konzert der Stille erfahren Sie es. 

Ich bin Unterstützer: Das Konzert der Stille ist und bleibt in meiner Wahrnehmung ein Geschenk an die Welt. Für die hochwertigen Gastbeiträge und für die oftmals umfangreichen Programmier-Leistungen bemühe ich mich stets um einen Wertausgleich. Wer mir dabei helfen möchte, den bitte ich um seine frEURO auf das Konto Harriet Oerkwitz/ Konzert der Stille, bei der DKB 120 300 00, Kontonummer 1012644777, Betreff: „Ich bin Unterstützer“. Da das Konzert der Stille nicht als gemeinnützige Organisation bewertet wird und somit nicht die Voraussetzung der § 68 ff der Abgabenordnung erfüllt, stelle ich keine Spendenbescheinigungen aus.
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HAUPTSTADT MIT ALLEN SINNEN, PERGAMON PANORAMA, CARSTEN SCHMIDT
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1 KOMMENTAR(E)

Das ist wirklich erstaunlich: Eben noch wird man aus dem lärmenden Umfeld in das Panorama-"Gebäude" gedrängt und kaum hat man neugierig die Treppen erklommen (ein Gepolter, das doch irgendwie Spannung erzeugt), da ist man in einer völlig anderen Welt. Und man kann wirklich bei jeder Runde und jedem Besuch neue Einzelheiten entdecken! Da stimme ich begeistert zu. So dargeboten wir(kt)d Geschichte lebendig. Vielleicht eine gute Ergänzung zum trockenen Unterrichtsfach!

Rübezart
am 
29. Dezember 2011

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