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VON HARRIET OERKWITZ
31. AUGUST 2011

Rilke und der Buddha

Ein religionsfreier Weg zum inneren Frieden

Buddha
Quelle: Fotolia

Am vergangenen Sonntag erschien - wie an jedem Wochenende - ein Musikgedicht auf dem Konzert der Stille. Diesmal: „Gong“ von Rainer Maria Rilke.

In zahlreichen Versen und Gedichten spürt Rilke dem Klingen und Schwingen von Worten nach oder beobachtet musikalische Phänomene. Stets bin ich gerührt, wie Rilke sich auf die kleinsten Dinge konzentriert, sie aus ihren Beziehungen löst, sie auszieht, ihren nackten Klang mit seinen Lippen nachformt und sie dann in einen überraschenden, neuen Zusammenhang stellt. Eine poetologische Selbstreflexion sind zum Beispiel die 55 „Sonette an Orpheus“. Es geht um die Bedingungen des Dichtens, den Charakter der Kunst: „Gesang ist Dasein. Für den Gott ein Leichtes. Wann aber sind wir?“ Oder wer hat nicht sein „Liebeslied“ im Ohr: „Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, der aus zwei Saiten eine Stimme zieht. Auf welches Instrument sind wir gespannt? Und welcher Spieler hat uns in der Hand? O süßes Lied.“

Rilke geht in die Stille und horcht behutsam den Raum aus: Egal, ob er in einer Großstadt wie Paris lebt oder auf lange Reisen nach Russland, Italien oder in die Schweiz ist. Kreativ und produktiv ist sein Schöpfen in einer immer währenden Spannung aus Nähe und Distanz.

Einen neuen Verständniszugang – ganz warm, sympathisch und anregend – baute mir nun Professor Karl-Josef Kuschel in seiner Veröffentlichung „Rilke und der Buddha. Die Geschichte eines einzigartigen Dialogs“ aus. Sie ist die Auseinandersetzung eines Theologen mit den drei Buddha-Gedichten Rilkes – „Buddha“ 462, „Buddha“ 498 und „Buddha in der Glorie“ 586 - aus dem Zyklus „Neue Gedichte“. Was weiß Rilke über den Buddhismus? Was sieht er in Buddha, was verkörpert er? Was bedeutet dem Künstler dieser ferne Gott, was inspiriert Rilke an ihm?

Und diese Spurensuche Kuschels liest sich spannend und aufregend wie ein Kriminalroman: Als sich Rainer Maria Rilke im Jahre 1905 als Sekretär von Auguste Rodin anstellen lässt, wird er im Garten des französischen Bildhauers auf eine riesige Buddha-Statue aufmerksam. Wo kommt diese Statue her? Hat Rodin sie vielleicht selbst in Stein gehauen?

Ist es Rilkes erste Begegnung mit dem Buddha? In seinem Studium der Kunstgeschichte mag sich Rilke bereits ein umfangreiches, kunsthistorisches und ikonografisches Wissen angeeignet haben, legte er davon bisher aber kein Zeugnis ab. Erst nach seiner Entdeckung bei Paris tauchen nun erste Schriftproben – Briefe und Zitate – auf, die den visuellen Reiz des Buddhas einfangen sollen.

Die Buddha-Gedichte entstehen. Und Professor Karl-Josef Kuschel stellt bei seinen Nachforschungen fest, dass Rilke diese Zeilen schreiben kann, ohne sich vorher intellektuell, religionsgeschichtlich oder religionsvergleichend mit dem Buddhismus beschäftigt zu haben. Schweigsamkeit, Stille, Geschlossenheit der Gebärde, göttliches Gleichgewicht, Herrschaft, Weisheit – Rilkes Beschreibungen deuten darauf hin, dass er Buddha allein über das Anschauen und Fixieren erschließt: „Als ob er horchte. Stille: eine Ferne... Wir halten ein und hören sie nicht mehr.“ Rilkes Buddha ist das Bild eines Meditierendes, keines Erlösers, es zeigt einen in sich Ruhenden und keinen am Kreuz Zerrissenen. In Buddha erkennt er das Wunsch- und Idealbild eines Menschen in vollkommenem, „göttlichen Gleichgewicht“ – fernab jedes Besitz- und Anspruchsdenkens. Er nähert sich Buddha als Künstler, als Sprach-Bildhauer und braucht für diese Bekanntschaft die buddhistischen Lehren nicht.

Dabei kann sich diese ungeheuerliche Freiheit zeigen: „Mitte aller Mitten, Kern der Kerne, Mandel, die sich erschließt und versüßt – dieses Alles bis an alle Sterne ist dein Fruchtfleisch: sei gegrüßt.“ Für Rilke ist Buddha ein Tröster, kein Alibi. Für Rilke kann jeder Buddha, ein in sich Ruhender, werden. Für diese Freiheit und diesen Frieden muss niemand Buddhist sein.

Genau diese Anschauung – unser Christentum nicht mit der fernen Religion des Ostens in einen dualistischen Konflikt zu stellen, sondern eine religionsfreie Sicht auf den Weg zur Freiheit und inneren Frieden herauszuarbeiten – macht die Gedichte von Rainer Maria Rilke für mich so wertvoll. Aber hören Sie selbst: Buddha, 489 oder Buddha in der Glorie, 586.

 

Buddha

 

Als ob er horchte. Stille: eine Ferne...

Wir halten ein und hören sie nicht mehr.

Und er ist Stern. Und andre große Sterne,

die wir nicht sehen, stehen um ihn her.

 

O er ist Alles. Wirklich, warten wir,

daß er uns sähe? Sollte er bedürfen?

Und wenn vor hier uns vor ihm niederwürfen,

er bliebe tief und träge wie ein Tier.

 

Denn das, was uns zu seinen Füßen reißt,

das kreist in ihm seit Millionen Jahren.

Er, der vergießt was wir erfahren

und der erfährt was uns verweist.

 

 

Ich bin Unterstützer: Das Konzert der Stille ist und bleibt in meiner Wahrnehmung ein Geschenk an die Welt. Für die hochwertigen Gastbeiträge und für die oftmals umfangreichen Programmier-Leistungen bemühe ich mich stets um einen Wertausgleich. Wer mir dabei helfen möchte, den bitte ich um seine frEURO auf das Konto Harriet Oerkwitz/ Konzert der Stille, bei der DKB 120 300 00, Kontonummer 1012644777, Betreff: „Ich bin Unterstützer“. Da das Konzert der Stille nicht als gemeinnützige Organisation bewertet wird und somit nicht die Voraussetzung der § 68 ff der Abgabenordnung erfüllt, stelle ich keine Spendenbescheinigungen aus.
VERÖFFENTLICHT IN
SCHLÜSSELWÖRTER 
RAINER MARIA RILKE, KARLJOSEF KUSCHEL, BUDDHA, RELIGIONSFREIHEIT, STILLE
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