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VON HARRIET OERKWITZ
12. MAI 2012

Simone Willig: Mit Musik geht vieles besser

Über das musiktherapeutische Arbeiten mit an Demenz erkrankten Menschen

Simone Willig
Quelle: Musik auf Rädern

 

„Du bist die Musik,

solange die Musik dauert.“

T.S. Eliot, Die vier Quartette

 

„In meiner Arbeit mit der Musik liegt der Schatz verborgen, dass ich unmittelbar mit meinen Klienten im Augenblick lebe. Wir lachen gemeinsam und teilen Gefühle. Wir werden ganz in den Augenblick hineingesogen.“ Simone Willig ist Musiktherapeutin in Herborn. In den vergangenen 12 Jahren hat sie sich einen Expertenstatus hinsichtlich des Wissens und der Erfahrungen mit an Demenz erkrankten Menschen erarbeitet. Mit ihrem Equipment – bestehend aus Akkordeon, Gitarre, Keyboard, Monochord, Klangstäben, Trommeln und kleinen Percussions-Instrumenten – besucht sie speziell ältere, hilfsbedürftige und dementiell erkrankte Menschen in verschiedenen Seniorenzentren. „Die Herausforderung sehe ich darin, mich in die jeweiligen Stimmungen, Situationen und Bedürfnissen der Klienten hinein zu fühlen. Spiele ich zum Beispiel ein Wiegenlied, spüre ich unmittelbar, dass sich Geborgenheit und Sicherheit ausbreiten.“

Das Krankheitsbild der Demenz gehört nach dem ICD 10 zu den organisch bedingten psychischen Erkrankungen. Ihre Symptome sind je nach Fortschreiten der Krankheit vielfältig: z.B. kognitive Störungen im Erinnern, im Denken und im Sprechen, Schwierigkeiten beim Wiedererkennen von Personen und Gegenständen, Orientierungslosigkeit, Verlust des Gegenwartsbezuges und des Wissens, wo die eigenen Körpergrenzen sind, Ruhelosigkeit, stetes Herumwandern. „Auch die Fähigkeit zu vernünftigem Urteilen ist erheblich reduziert, der Ideenfluss ist herabgesetzt und die Informationsverarbeitung eingeschränkt. Für die Betroffenen wird es zunehmend schwieriger, die Aufmerksamkeit zu fokussieren oder sie von einem zum anderen Thema zu wechseln“, so Barbara Dehm-Gauwerky im „Lexikon Musiktherapie “, S. 11.

Hauptmerkmal der Demenz ist der Verlust zeitlicher Strukturen: An Demenz erkrankte Menschen verlieren den Überblick über die Zusammenhänge ihres Alltages, Vertrautes wird plötzlich fremd, die Umwelt wird zunehmend unverständlicher und die Kommunikation mit anderen wird schwieriger. Simone Willig versteht ihre musiktherapeutische Arbeit daher als Unterstützung bei der Pflege der Betroffenen mit dem Ziel, deren Fähigkeiten, mit anderen in Kontakt zu kommen, zu erhalten und zu stärken. „Im Fokus stehen die Wertschätzung, das Überwinden von Isolation, die Aktivierung emotionaler Fähigkeiten, die Angstlinderung, das Erleben von Zugehörigkeit und Verständnis, kurzum: Das Erhalten und das Stärken ihrer eigenen Identität.“

Musik wird in diesem Zusammenhang oft als „Königsweg“ beschrieben. Ob in Einzel- oder Gruppentherapien: Entscheidend ist die Qualität der Beziehungsgestaltung zwischen den Betroffenen und den Musiktherapeuten – ritualisiert und verlässlich. Zu ihren Methoden zählt Simone Willig das gemeinsame Singen und Improvisieren mit, aber auch für die Klienten, Gespräche, das Nachspüren von Stimmungen und der Atmosphäre, die Kontaktaufnahme über Instrumente, Lieder, Gedichte, Geschichten, Bilder.

Dabei wird die Musik häufig zum Ersatz oder zur Ergänzung der Sprache. Sie wirkt emotionalisierend, ordnend, strukturierend. Sie gibt Halt, regt an oder entspannt, motiviert zur Bewegung und zur Kreativität: „Gemeinsame Improvisationen und Spiele vermitteln das Gefühl, mitten im Leben zu stehen, lebendig im Miteinander zu sein. Häufig antwortet der Körper durch eine ruhigere Atmung, ein kurzes Lächeln oder Blickkontakt, durch das Zucken des Mundwinkels oder durch das Wippen der Hände und Füße“, so Simone Willig.

Die Leistung der Musik besteht darin, dass das Singen und das Musizieren innere Bilder und Gefühle wecken und Erinnerungen auslösen. Simone Willig bereitet sich daher sehr umsichtig und achtsam auf ihre Klienten und deren musikalische Biografie vor. „Der zeitgeschichtliche Kontext und die individuelle, musikalische Sozialisation nähren meine Vorgehensweise wie ein roter Faden“, so die Musiktherapeutin. Schlager, Volkslieder, klassische Musikstücke und Kinderreime aus den 1920er bis 1970er Jahren sind ihr Arbeitsmaterial. „Mein Vater hatte ein großes Reiseunternehmen und hat Wochenendausflüge für Senioren organisiert. Im Bus wurde stets gesungen oder Kassetten abgespielt. Ich bin sehr früh in diese Musiklandschaft hineingewachsen.“

Das Lied nimmt in dieser Arbeit mit Demenzerkrankten eine besondere Bedeutung ein: „Die Melodie trägt Stimmungen und strukturiert sowohl Emotionalität als auch Denken und Handeln. Der Text spiegelt reale biografische Erfahrungen wider, beinhaltet Wünsche und Träume und weckt konkrete Erinnerungsbilder. Das Singenkönnen eines Liedes erweckt den Stolz auf erhalten gebliebene Fähigkeiten. Das gemeinsame Singen ermöglicht Gefühle von Zugehörigkeit, das Erleben gemeinsamer Gefühle und Teilen gemeinsamer Bedeutungen. Hinzu kommt das Erleben der eigenen Stimme (Selbststimulation, Abwehr anderer Reize, Stolz) und den Stimmen anderer, die einem vorsingen.“ (Tonius Timmermann in: „Lehrbuch Musiktherapie“, S. 276)

Als persönliche Vorsorge-Leistung empfiehlt der Hamburger Hochschullehrer und Dozent Hans-Helmut Decker-Voigt das Anlegen einer „Eigenmusikkonserve“, also eine „Sammlung von persönlich lebenswichtiger Musik, die in einem im Krankheitsfall zur Verfügung steht“ und eine „musikbezogene Patientenverfügung“ über z.B. Lieder, Musik und Geräusche, die man eindeutig ablehnt oder über eine Liste von Situationen, in denen man gern oder ungern Musik hört (siehe „Lehrbuch Musiktherapie“, S. 266f).

Einen wertvollen Fundus versteht Simone Willig daher im Volksliederarchiv der Berliner Altistin und Musiktheaterregisseurin Wiebke Hoogklimmer, welches ihr musiktherapeutisches Instrumentarium aus Liederbüchern, Noten, Schallplatten und Kassetten ergänzt.

Intensiven fachlichen Austausch und lebendige Netzwerkarbeit hingegen realisiert die Therapeutin durch ihre Anbindung an das Franchiseunternehmen „Musik auf Rädern“ - ein Dienstleistungsunternehmen, das 2003 von vier Musiktherapeutinnen in Münster gegründet wurde und heute bundesweit musiktherapeutisch ambulant und stationär arbeitet. Die Musiktherapeuten bringen Musik in Kindergärten, Schulen, Kliniken, Rehabilitationszentren, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, Alten- und Pflegeheime, Hospize und Privathaushalte.

„Die musiktherapeutische Arbeit mit an Demenz erkrankten Menschen hat sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt, spezialisiert und konkretisiert“, so Simone Willig. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Silke Kammer veröffentlichte sie ihre Erfahrungen in der Altenpflege in „Mit Musik geht vieles besser: Der Königsweg in der Pflege bei Menschen mit Demenz“, erschienen am 22. März 2012 im Verlag Vincentz Network.

„Wichtig ist mir vor allem, dass wir stets über unseren Tellerrand schauen und Kollegen aus anderen Berufszweigen, wie Logopäden, Physiotherapeuten und Pfleger, mit in die eigenen Arbeitsprozesse mit einbinden. Es ist mir ein großes Anliegen, Musik dafür zu nutzen, intensive Begegnungen möglich zu machen. Musik verbindet.“

 

Literatur:

Decker-Voigt, Oberegelsbacher, Timmermann: „Lehrbuch Musiktherapie“, München, 2008

 

Decker-Voigt, Weymann: „Lexikon Musiktherapie“, Göttingen, 2009

 

Sacks, Oliver: „Der einarmige Pianist. Über Musik und das Gehirn“, Hamburg, 2010 (Im Artikel 15, „Von Augenblick zu Augenblick: Musik und Amnesie“, beschreibt Sacks sehr ausführlich und einfühlsam seine Beziehung zu seinem Patienten Clive Wearing, einem englischen Musiker und Musikologen, der nach einer Gehirnentzündung große Teile seines Gedächtnisses verlor. Die Musik nimmt in ihren Begegnungen eine herausragende Rolle ein: „Vielleicht kann Clive, der infolge seiner Amnesie unfähig ist, sich an Ereignisse zu erinnern oder sie zu antizipieren, Musik singen, spielen und dirigieren, weil die Erinnerung an Musik überhaupt kein Erinnern im üblichen Sinn ist. Sich an Musik zu erinnern, ihr zu lauschen oder sie zu spielen findet ganz und gar in der Gegenwart statt.“, S. 261)

 

Impulse & Links für weiterführende Recherche:

www.musiktherapie.de

www.almuth.net

www.musikaufraedern.de/

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SCHLÜSSELWÖRTER 
SIMONE WILLIG, MUSIK AUF RÄDERN, DEMENZ, AMNESIE, DECKER-VOIGT
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3 KOMMENTAR(E)

Vielen Dank für diesen wirklich guten und informativen Artikel!

 

Herzliche Grüße aus Berlin

 

Wiebke Hoogklimmer

Wiebke Hoogklimmer
am 
14. Mai 2012

Ich danke für Ihr Feedback, liebe Frau Hoogklimmer.

 

Schön, dass ich auf diesem Wege das Konzert der Stille mit Ihrem liebevoll gestalteten Archiv verbinden kann.

 

Auf ein Kennenlernen freue ich mich sehr,

beste Grüße

 

Harriet Oerkwitz.

Harriet Oerkwitz
am 
14. Mai 2012

Sehr gern!

 

Liebe Grüße

 

Wiebke Hoogklimmer

Wiebke Hoogklimmer
am 
14. Mai 2012

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