HOME
VON HARRIET OERKWITZ
04. NOVEMBER 2012

Stille in der Stadt

Inspirationen und Übungen von Journalistin und Geographin Sabrina Gundert

Foto: Sabrina Gundert

Oft scheint sie unauffindbar – ja, eigentlich gar nicht vorhanden zu sein. Lärm und Abgase auf den Straßen, dichtes Gedränge und Hektik in den Einkaufsstraßen. Es ist nicht leicht, die Stille im städtischen Alltagsleben zu finden. Und doch: Es gibt sie.

 

Da stehe ich. Schon wieder. Die Warteschlange reicht durch den halben Supermarkt, vor mir verlangt jemand lautstark nach einer zweiten offenen Kasse, hinter mir wird wüst auf die langen Wartezeiten geschimpft. Die Luft um mich herum scheint immer wärmer zu werden. Ich merke wie Ärger, Stress und ein Gefühl der Anspannung in mir hochkriechen. Unruhig trete ich von einem Fuß auf den anderen. Wie lange denn noch? Gleichzeitig ärgere ich mich über meinen eigenen Ärger. Wieder denke ich: Es muss doch auch anders gehen.

 

 

Auf der Suche nach der Stille

 

Kurz nach diesem Erlebnis stieß ich auf das Buch „Stille in der Stadt“ von Ursula Richard. Mir wurde bewusst: Es geht wirklich anders! Das Buch gab den Anstoß, die eigene Stadt, aus der ich bislang am liebsten immer wieder aufs ruhige Land geflüchtet wäre, neu zu erkunden. Stille zu entdecken, wo bislang keine zu sein schien. Meine eigene Sicht zu verändern und dadurch ein neues Bild dieser Stadt entstehen zu lassen.

 

Der Supermarkt als Entspannungsort

 

Wenige Wochen später. Ich stehe wieder an der Warteschlange im Supermarkt. Doch dieses Mal ist etwas anders. Ich achte bewusst auf meinen Atem, kann sein Kommen und Gehen spüren. Dann wandert meine Aufmerksamkeit zu den Füßen und nimmt wahr, wie diese festverwurzelt auf der Erde stehen. Obwohl all die anderen wartenden Menschen um mich herum stehen, kann ich ganz bei mir bleiben, mich selbst spüren, das tut gut. Innerlich gehe ich einen Schritt weiter, verbinde mich mitfühlend mit den anderen Menschen und nehme ihre Unruhe wahr, den Wunsch, endlich an der Reihe zu sein und den Einkauf zu bezahlen. Ich merke, dass es ihnen genauso geht wie mir. Etwas in mir entspannt sich.

Dieser kleine, scheinbar banale Perspektivwechsel bewirkt eine entschiedene Änderung: Ich kann selbst in der Warteschlange hier und da ein Lächeln verteilen, eines zurückbekommen und den Supermarkt schließlich ruhig, entspannt und erfüllt verlassen. An der Situation selbst hat sich nichts verändert, an meiner Art und Weise in ihr zu sein aber sehr wohl. Auch so entsteht Stille in der Stadt.

 

Stille Orte entdecken

 

Neben den inneren stillen Orten suche ich heute auch bewusst äußere Orte der Ruhe auf, wenn mir Lärm und Hektik zu viel werden in der Stadt: Parkanlagen, Kirchen, die Stadtbücherei oder das Museum am Markt. Aber auch Friedhöfe oder Toiletten sind gute Orte, um einen Moment innezuhalten, durchzuatmen und das Heben und Senken der Bauchdecke mit jedem Atemzug zu beobachten. Raus aus dem Hetzen und dem Kopfkarussell zu kommen („Jetzt noch schnell zum Drogeriemarkt, danach zum Bäcker, ach ja und nicht das Geschenk für Silke vergessen. Was soll ich eigentlich morgen kochen? Soll ich noch rasch zum Bioladen? Oder doch besser…“) und wieder anzukommen im jetzigen Moment.

Ursula Richard erzählt in ihrem Buch, wie sie die Stille an einem frühen Sonntagmorgen auf dem großen – an diesem Tag menschenleeren – Parkplatz eines Discounters entdeckt hat: Auf dem Bordstein sitzend und auf eine Freundin wartend, wurde dieser Ort zum optimalen Meditationsplatz für sie. Manche stillen Orte entstehen und vergehen je nach Wochentag oder Uhrzeit.

 

 

Zurück aus der Stille

Eine innere Leere und Ratlosigkeit machen sich breit

ob der vielen asphaltierten Straßen,

der Frage, wie Menschen solch hässliche herzlose Häuser bauen

und diese mit einem Schild,

das auf „privilegiertes Wohnen“ hinweist, versehen können.

Wie sie, Mann an Mann wohnen wollen

und Grünflächen nur aus Rasen bestehen.

Schmetterlinge, Grashüpfer und Eidechsen

– unbekannt.

Wie viel Müll sie produzieren und wie am Bahnhof schnell die 20-Minuten-Zeitung als

Fastfoodhappen zwischen Telefonat, Gespräch mit dem Nachbarn und dem Sprint zum Zug

konsumiert wird.

Wo geht diese Reise hin?

Im Zug sitzend, in Stille,

fühle ich mich wie auf einer Insel.

Insel oder Kokon.

Doch wie bald schon werde ich in einem unachtsamen Moment

wieder in dieses geschäftige, gehetzte Treiben des Alltags einsteigen?

 

 

Mehr und mehr spüre ich heute die Stille mitten im Trubel der Stadt. Beispielweise dann, wenn ich in der Fußgängerzone auf einer Parkbank sitze, die Menschen um mich herum wahrnehme, den Mann, der Gitarre spielt, den anderen, der Pantomime macht. Alles geht seinen gewohnten Gang und doch: Etwas in mir hat sich verändert. Ich kann hier sitzen, still und ruhig und einfach sein. Statt wie früher im Strudel von Geräuschen und Geschwindigkeit unterzugehen, kann ich immer mehr im Auge des Sturms stehen. Die Stille beginnt sich nach und nach von den äußeren Gegebenheiten zu lösen und ist einfach da – egal, wie die Umstände gerade sind.

 

Gehmeditation auf dem Weg zur Bushaltestelle

 

Auch der Weg zur Bushaltestelle hat sich verändert. Statt mich – wie sonst – den Gedanken an den nächsten Termin und an alles Unerledigte hinzugeben, mich von all den Autos, Menschen, dem Gewusel und Lärm stressen zu lassen, wandert meine Aufmerksamkeit zu den Füßen. Ich spüre, wie sie beim Gehen den Boden berühren und muss an die Worte Thich Nhat Hanhs denken, mit meinen Füßen die Erde zu küssen. Die Anspannung in meinem Körper lässt nach. Meine Schritte scheinen federnder zu werden, leichter. Im vollen Bus sitzend richte ich die Aufmerksamkeit auf meinen Atem. Frieden denke ich einatmend, Liebe ausatmend. Die Busfahrt zum Bahnhof wird zur kurzen Sitzmeditation.

 

Spiritualität im Alltag

 

Stille in der Stadt hat zugleich etwas mit urbaner Spiritualität zu tun. Damit, die Gelassenheit und innere Ruhe, die sich vielleicht nach dem Meditationskurs am Abend oder dem zweiwöchigen Retreat eingestellt haben, mit in den Alltag zu nehmen. Achtsam zu sein – in der U-Bahn, in der Warteschlange, an der Supermarktkasse – und die Achtsamkeit wirklich Teil unseres Alltags werden zu lassen.

 

Stille in der Stadt erfahren

 

Übungen und Buchtipps Orte der Stille entdecken:

Welche Orte der Stille sind dir in deiner Stadt bereits bekannt? Was ist es, das diese Orte zu Orten der Stille? Vielleicht magst du dir diese Woche einmal eine Stunde Zeit nehmen und die Stadt, in der du lebst, abseits der dir bekannten Pfade erkunden: Wo gibt es sie noch, die Stille in der Stadt? Vielleicht entdeckst du sie in einem Hinterhof, einer Seitenstraße, einem kleinen Park, einer Tiefgarage, in der Bettenabteilung des Einkaufshauses oder auf dem Friedhof neben der alten Kirche. Sei offen, lass dich überraschen.

 

Stille im Trubel entdecken

 

Im Impulstext werden verschiedene Möglichkeiten angesprochen, Stille mitten im Alltag zu finden: An einer vielbefahrenen Straße, auf dem Weg zur Bushaltestelle, im Supermarkt. An welchem dieser Orte fällt es dir bereits leicht, Stille und innere Ruhe zu erfahren? Was unterstützt dich dabei? Hilft es dir, die Aufmerksamkeit auf deine Füße zu richten, deinen Atem zu spüren oder dich innerlich mit anderen Menschen zu verbinden? Ist dies unterschiedlich je nach Situation? Erforsche, was dir persönlich gut tut, um in deiner Kraft und Ruhe zu bleiben.

 

Stillness Buddy und Buchtipps

 

Wer viel am Computer arbeitet und sich nach Atempausen im Alltag sehnt, für den ist vielleicht das kleine Programm „Stillness Buddy“ passend, dass einen in regelmäßigen – selbst gewählten – Abständen mit einem kleinen Text (zum Beispiel: „Bist du wirklich sicher, dass du präsent bist in diesem Augenblick?“) und einem Bild zum Innehalten einlädt. Weitere Informationen findet ihr hier: www.stillnessbuddy.com, eine deutschsprachige Erklärung gibt es auf der Website des EIAB: http://eiab.eu/sidebar/supporting-us-de/stillness-buddy.

 

Vier wunderbare Bücher rund um das Thema Stille und Achtsamkeit sind:

 

* Stille in der Stadt, Ursula Richard, Kösel-Verlag

* Stille in einer lauten Welt, Dieter Mittelsten Scheid, Kösel-Verlag

* Stille spricht, Eckhart Tolle, Arkana-Verlag

* Im Hier und Jetzt zuhause sein, Thich Nhat Hanh, Herder-Verlag

 

 

Autorin Sabrina Gundert ist freie Journalistin, Geographin, Raumpionierin und Herausgeberin der Website "Handgeschrieben". Vom 16. November 2012 bis 11. Januar 2013 begleitet Sabrina ihren Online-Achtsamkeitskurs "Stille":

 

"Der Kurs lädt dich ein, gerade in der sonst so hektischen Vorweihnachtszeit, die Stille in dir und um dich herum wiederzuentdecken. Wir tauchen ein in die Stille, erforschen Stille mitten in der Stadt, halten inne und lassen das vergangene Jahr Revue passieren. Aus der inneren Kraft und tiefen Stille heraus starten wir anschließend in das neue Jahr und erfahren letztendlich Stille in jedem Augenblick unseres Lebens.Wir nähern uns der Stille lauschend, schreibend, malend, seiend, atmend, achtsam, neugierig und immer: Mitten im Leben."

 

Viel Freude den Stille-Genießern wünscht das Konzert der Stille.

Ich bin Unterstützer: Das Konzert der Stille ist und bleibt in meiner Wahrnehmung ein Geschenk an die Welt. Für die hochwertigen Gastbeiträge und für die oftmals umfangreichen Programmier-Leistungen bemühe ich mich stets um einen Wertausgleich. Wer mir dabei helfen möchte, den bitte ich um seine frEURO auf das Konto Harriet Oerkwitz/ Konzert der Stille, bei der DKB 120 300 00, Kontonummer 1012644777, Betreff: „Ich bin Unterstützer“. Da das Konzert der Stille nicht als gemeinnützige Organisation bewertet wird und somit nicht die Voraussetzung der § 68 ff der Abgabenordnung erfüllt, stelle ich keine Spendenbescheinigungen aus.
SCHLÜSSELWÖRTER 
STILLE, STADT, ACHTSAMKEIT, MEDITATION, NATUR, SABRINA GUNDERT, SPIRITUALITÄT, ALLTAG
ARTIKEL TEILEN UND EMPFEHLEN

ARTIKEL EMPFEHLUNGEN

0 KOMMENTAR(E)

KOMMENTIEREN

* Pflichtangaben
Benachrichtigen Sie mich über jeden weiteren Kommentar.