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VON HARRIET OERKWITZ
27. FEBRUAR 2013

Stilles Lauschen auf die Töne der Natur

Neues musikalisch-naturpädagogisches Angebot in Berlin

“Klangspiel mit den Elementen”: Die Musiktherapeutinnen Hannah Breithaupt und Silke Hoffmann bieten dieses Projekt ab 22. März 2013, immer freitags von 16.30 bis 17.30 Uhr, in dem Berliner Zentrum für Musik und Körper "Tagtigall" an. Das "Konzert der Stille" sprach mit ihnen über Idee, Konzept und Ziele. 

 

KdS: Worin besteht die grundsätzliche Idee dieses Konzeptes? Was unterscheidet es von anderen Angeboten? Was macht es besonders?

HB: Durch die Verknüpfung der musikalischen Parameter Rhythmus, Melodie, Dynamik und Klangfarbe mit den natürlichen Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft erfahren die Kinder Musik in Verbindung mit dem Reichtum ihrer eigenen Sinnes- und Assoziationswelten. Das vertieft nicht nur das musikalische Empfinden und Erleben, sondern eröffnet den Kindern zudem neue Zugänge zu ihrer individuellen Kreativität und Persönlichkeit.

SH: “Klangspiel mit den Elementen” wurde aus dem Wunsch geboren, mit Kindern und Jugendlichen raus zu gehen, mit ihnen draussen etwas zu machen und ihnen Erfahrungen in und mit der Natur zu ermöglichen. Ausgangspunkt und verbindendes Element ist das Erlebnisspektrum musikalischer Improvisation. Das enorme Potential das durch gemeinsames Musizieren freigesetzt wird, überführen wir bewusst in den Kontext unserer natürlichen Mitwelt. Dadurch verbindet es all die soziokulturellen Erfahrungsmöglichkeiten, wie Musikalität, Selbstwahrnehmung, Gruppenerfahrung und Empathieentwicklung mit dem Erlebnis, dass all dies in einem noch grösseren Zusammenhang seinen Platz einnimmt. Die spielerische und musikalische Interaktion zwischen Kultur und Natur gestaltet sich als Entdeckungsreise bei der sich die Kinder anhand der natürlichen Elemente Erde, Feuer, Wasser, Luft den musikalischen Parametern Rhythmus, Dynamik, Melodie und Klangfarbe annähern. Zugleich bieten wir mit unserem Angebot Kindern und Jugendlichen Raum und Zeit, Hinzuhören – auf das Singen und Klingen der Welt, auf sich selbst und ihre Mitmenschen.

 

KdS: Worin liegt für Euch der Reiz für dieses Angebot? Was macht es für Euch so spannend? Welches Geschenk verbirgt sich für Euch persönlich?

HB: Jedes Kind ist fasziniert von Feuer und dem Spiel mit Wasser. Alle Kinder spielen gerne mit Matsch, mit Sand und lieben den Herbstwind. Die Elemente spiegeln in ihrer sinnlichen Erfahrbarkeit die Lebendigkeit und Vielfältigkeit der Natur und des menschlichen Seins wieder.

Gleichzeitigkeit bietet die Welt der Elemente einen Zugang zu Erlebnis- und Phantasiewelten. So zum Beispiel ist das Wasser ein Symbol dessen, aus dem das Leben entsteht, es tritt wandelbar in verschiedenen Aggregatzuständen auf. Es ist gewaltig, verschlingend als tosendes Meer, es ist hauchzart als Tautropfen, der bei den ersten Sonnenstrahlen verdunstet. Das Feuer ist das Symbol für die Transformation, es kann alles verzehren, oder als kleine Flamme geschützt werden. Es steht auch für Wärme, für Leidenschaft. Das sind nur Beispiele aus einer Vielzahl von Assoziationsspielen, die mit den Elementen verbunden werden können. Wie kann die Erfahrung aus der Welt der Elemente unsere Musikalität bereichern, unterfüttern, beleben? Was entsteht für Musik, wenn wir uns ihr aus der Welt der Elemente nähern?

SH: Die Empathie- und Integrations-fördernden Eigenschaften von gemeinsamem Musizieren sind bekannt. Spätestens seit Richard Louv 2005 den Begriff “nature-deficit disorder” prägte und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen mit entsprechenden Forschungsergebnissen nachzogen, wird ebenso das Phänomen zunehmender Entfremdung von der Natur, sowie die Auswirkung dessen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, wie auch für Erwachsene und Gesellschaft vielerorts thematisiert. In diesem Zusammenhang empfinde ich die neuen Impulse, die aktuell aus der Community Music Therapy hervorgehen, als willkommene Inspiration für unsere Arbeit. Sie ist eine Einladung zunehmender menschlicher Verrohung und Entfremdung von der Natur entgegenzuwirken, indem sie den Menschen nicht isoliert wahrnimmt und Empathiefähigkeit lediglich unter seinesgleichen fördert (falls das überhaupt gelingen kann), sondern Integration in einem alles umfassenden Verständnis begreift. In diesem Kontext verstehe ich unser Angebot als die Bereitstellung eines Erfahrungsraums, in dem Verbundenheit erlebt werden kann, zu unseresgleichen und zur mehr-als-menschlichen-Welt.

 

KdS: Warum eignet sich dieses Projekt-Angebot besonders für Kinder? Was lernen Kinder in der Arbeit mit Klängen und Musik? 

HB: Dieses Projekt bietet Kindern die Möglichkeit in spielerischen Neugierde das musikalische Empfinden zu schulen, frei von jedem Leistungsdruck. Die Kinder haben in der Improvisation die Möglichkeit, ihre eigenen Klänge hörbar zu machen und sie erleben, wie sich ihr eigenes in einer Gruppe mit den Klängen der anderen zu etwas Neuem verbindet. Dadurch wird die Wahrnehmung für das Eigene, sowie die Wahrnehmung und Empathie für die Anderen geschult.

SH: Kinder haben einen natürlichen, unmittelbaren Zugang zu Musik und musikalischer Aktivität. Sie nehmen Instrumente in die Hand und spielen drauf los oder beginnen unmittelbar sich zu bewegen und zu tanzen, wenn sie Musik hören. Sie haben Spass an Musik! Eine Hemmschwelle tritt oftmals erst ein, wenn sie im Lauf ihres Lebens unangenehme Erfahrungen in Verbindung mit Musik machen. Das kann ein unbedachtes Kommentar sein wie “Du kannst doch nicht singen!” oder auch Instrumentalunterricht, der Leistungsdruck und damit Stressgefühle aufbaut, und die Freude am Musizieren verdrängt. Bei “Klangspiel mit den Elementen” ist uns wichtig, Kinder und Jugendliche selbst ausprobieren zu lassen, ihren eigenen Zugang zu Musik, der klingenden Welt und zu Stille zu entdecken. Mit Elementarmusikinstrumenten wie Rassel, Glockenspiel, Trommel oder Instrumenten aus der Natur wie bspw. Steine, Äste, Zapfen, die intuitiv zu spielen sind, ermöglichen wir einen leichten Eintritt in die Welt der Klangerzeuger. Vielmehr noch wird die Fantasie der Kinder selbst angeregt, eigene Wege zu entdecken, Töne zu erzeugen. Auch das Musizieren ohne Noten, statt dessen angeregt durch Bilder, die wir in der Natur finden (Regenwetter, fliessendes Gewässer, knisterndes Feuer usf.), soll in entspannter Atmosphäre Kindern ermöglichen (wieder) Spass am Musizieren zu erleben. Betont wird bei all dem insbesondere die Aufmerksamkeit auf den Hörsinn. Das Zuhören- und Hinhören-können bezieht sich dabei sowohl auf die Klänge und Geräusche im Aussen, als auch auf die eigene innere Stimme. Somit ist der Umgang mit Stille in unterschiedlicher Weise ein Element unseres Angebots – sei es im stillen Lauschen auf die Töne der Natur, das still werden vor einem gemeinsamen musikalischen Anfang, oder das ganz individuelle In-sich-hinein-horchen, das Fragen beantwortet wie bspw. “wann spiele ich einen Ton?”.

 

KdS: Ist dieses Projekt in einer Stadt wie Berlin realisierbar? Welche Hürden werden sichtbar? 

HB: Dieses Projekt würde sich am besten in der Natur realisiseren lassen, da wir dort der natürlichen Welt am nächsten sind. Aber auch Stadtparks kann man in Erdkontakt gehen, an Wasserfällen sein etc. Möglichkeiten mit den Elementen in Kontakt zu treten. Es mangelt momentan allerdings noch an einer Finanzierung. Das heißt ja, wir brauchen höchstwahrscheinlich eine Förderung.

SH: Gerade in einer Stadt wie Berlin ist es notwendig, Kindern und Jugendlichen Raum zu schenken, der etwas von der Lautstärke und Geschwindigkeit, die sonst vorwiegend das Leben in der Stadt prägen, abfängt. Natürlich ist ein Ort wie Berlin auf den ersten Blick schwierig für ein (musikalisch-) naturpädagogisches Angebot, doch auch hier gibt es Möglichkeiten. Wir haben das Glück, mit “Tagtigall – Zentrum für Musik und Körper Berlin Neukölln” einen zauberhaften Veranstaltungsort gefunden zu haben, der zudem noch in unmittelbarer Nähe zum Tempelhofer Feld liegt. Es besteht also die Möglichkeit in kürzester Zeit eine der grössten grünen Freiflächen Berlins zu Fuss zu erreichen. Darüber hinaus werden wir die natürlichen Elemente zu uns einladen und auch drinnen Möglichkeiten schaffen, Erfahrungen mit ihnen zu sammeln.

 

KdS: Welche Infrastrukturen sind notwendig für dieses Projekt? Gibt es neben Kindergärten/ Schulen auch andere mögliche Kooperationspartner/ Orte für die Umsetzung dieses Projektes? Wo findet Ihr Eure potentiellen Teilhaber? Welches langfristige Ziel verbirgt sich hinter diesem Engagement?

HB: Momentan sind wir mit Yoga- und Meditationszentren in Kontakt, weil wir denken, dass Klienten solcher Einrichtungen auch Interesse an einer ganzheitlichen Förderung ihrer Kinder haben. Langfristig würden wir das Projekt auch gerne ganz im Freien anbieten, zum Beispiel im Rahmen von Ferienlagern oder ähnlichem.

SH: Die Auslagerung des Projekts in Form eines Wochenendangebots oder in Zusammenarbeit mit Jugendherbergen oder anderen Schullandheimprogrammen ins Umland ist vorstellbar. Ich selbst sehe dieses Projekt-Angebot sowohl von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen als auch älteren Menschen angenommen. Ich glaube, dass eine ganz besondere Kraft aus dem Zusammenwirken von heterogenen Gruppen hervorgeht und wünsche mir perspektivisch Orte, die generationen-übergreifend Menschen ansprechen und von solchen besucht werden.

 

KdS: Herzlichen Dank für das Interview und viele interessierte Kinder und Eltern. 

 

Ich bin Unterstützer: Das Konzert der Stille ist und bleibt in meiner Wahrnehmung ein Geschenk an die Welt. Für die hochwertigen Gastbeiträge und für die oftmals umfangreichen Programmier-Leistungen bemühe ich mich stets um einen Wertausgleich. Wer mir dabei helfen möchte, den bitte ich um seine frEURO auf das Konto Harriet Oerkwitz/ Konzert der Stille, bei der DKB 120 300 00, Kontonummer 1012644777, Betreff: „Ich bin Unterstützer“. Da das Konzert der Stille nicht als gemeinnützige Organisation bewertet wird und somit nicht die Voraussetzung der § 68 ff der Abgabenordnung erfüllt, stelle ich keine Spendenbescheinigungen aus.
SCHLÜSSELWÖRTER 
KLANGSPIEL, ELEMENTE, HANNAH BREITHAUPT, SILKE HOFFMANN, MUSIK, NATUR, KLÄNGE, TÖNE
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