Günther Jauch kommentiert Wunschzettel
08.07.2011
Talken oder für immer schweigen
Liebes Konzert der Stille,
Danke für den ausführlichen Wunschzettel.
Aus eigenen Wunschzettelerfahrungen weiss ich, dass man am Ende froh sein kann, wenn von 10 Wünschen vielleicht 3 wahr werden. Ich will mich um die Erfüllung aller Wünsche gern bemühen, aber ich werde bestenfalls immer nur einem Teil der Wünsche entsprechen können. Es wird wohl auch Sonntage geben, in denen das so gar nicht gelingen will oder sogar kann.
Aber ich habe mich über die klugen Gedanken in Ihrer Mail sehr gefreut.
In diesem Sinne wünsche ich noch einen schönen Sommer und bin
mit freundlichen Grüßen
Günther Jauch
Ein Wunschzettel an Günther Jauch und seine neue Sendung im Ersten
Es dauert keine zehn Wochen mehr: Ab dem 11. September startet der Entertainer und Privatfernsehen erprobte Günther Jauch seine gleichnamige Talkshow im Rechtlich-Öffentlichen. Immer sonntags, um 21.45 Uhr, buhlt er um die vier Millionen Tatort-Gucker: Dranbleiben, hier spielt die Politik, interaktiv und unterhaltsam. Die Quotensteilvorlage wird im Nebelschleier aus Trägheit und Alternativlosigkeit zur Sprungschanze ausbetoniert. Wir reiben uns die Augen und heben ab.
„Günther Jauch“ ist neben „Hart aber fair“ am Montag, „Menschen bei Maischberger“ am Dienstag, „Anne Will“ am Mittwoch und „Beckmann“ am Donnerstag die fünfte Talkshow, die ARD-Chefredakteur Thomas Baumann künftig koordiniert, damit sich Themen und Gäste weniger (auffällig) doppeln. Hoppla: „Wir sollten nicht davon ausgehen, dass unser Publikum alle Sendungen des Ersten sieht. Insofern ist diese Redundanz von Köpfen und Argumenten hinnehmbar.“
Mit dem Personal- und Sendeplatzkarussell gönnen wir uns etwas: Für 39 Sendungen pro Staffel – 38 Ausstrahlung plus Best-of – schreibt uns die Produktionsfirma von „Günther Jauch“ jährlich Rechnungen in Höhe von 10,5 Millionen Euro. Diese schwindelerregende Luftikuss-Summe geistert seit vielen Monaten in den Presseberichten herum und wurde von den Vertragspartnern weder dementiert noch bestätigt. Mit einem Minutenpreis von 4805,26 Euro (Wiederholungen zählen nicht) putzt sich die neue politische Talkshow von Jauch heraus. Lediglich das Politmagazin „Monitor“ im WDR ist – bemessen am zuletzt veröffentlichten Kef-Bericht (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten im Dezember 2009) –mit einem Minutenpreis von 5179 Euro geringfügig teurer.
Rundfunkgebührenzahler wundern sich und hoffen gleichermaßen: Was rechtfertigt diese Ausgaben? Doch Produktion und Sender lassen sich nicht in die Karten gucken. Über das Konzept schweigt man sich aus. Behutsam lanciert die Promotion-Werkstatt das eine oder andere Detail zur Beschwichtigung.
Neu wäre zum Beispiel das Studio. Die Sendungen werden im ehemaligen Gasometer in Berlin-Schöneberg, im Herzen der Hauptstadt, nahe dem Regierungsviertel, in knapp 80 Metern Höhe aufgezeichnet. Der transparente, fast 100 Jahre alte und unter Industriedenkmal stehende Veranstaltungsraum ähnelt optisch der Reichstagskuppel und bewirbt seine politisch korrekte CO2-Neutralität. Rund 300 Zuschauer werden live in der Sendung dabei sein. Paragleitschirme kleben unter dem Sitz.
Als erfrischend wird auch bezeichnet, dass Günther Jauch gelegentlich zwei statt sechs konträre Meinungsträger zu sich laden wird. Doch das war es mit den zu erwartenden Novitäten. Der Aufbau der Vorgänger-Talkshow wird vermutlich schlichtweg beerbt: Der Moderator reißt das Thema an und stellt seine Gäste mit Hinweis auf Rollenverteilung vor; Kategorie 1: Opfer und Betroffener, Kategorie 2: selbstinszenierender Politiker, Kategorie 3: Buchautor auf Promotion-Tour, Kategorie 4: Journalist im Auftrag der Aufklärung und als Anwalt des Volkes. Der Moderator lässt die dramatische Eingangsszene mit anderen, vorher einstudierten Worten wiederholen – getreu dem von Robert Pfeffer bezeichnete „one trick pony“ - , unterbricht die Diskussionsausreißer und lässt Raum für Applauspausen, die von Redakteuren im Publikum angeklatscht werden. Er verabschiedet sich mit großem Bedauern, dass das Thema viel zu umfänglich und die Zeit viel zu knapp waren. „Dankeschön, bis zum nächsten Mal, tschüs.“
Günther Jauch hat nach eigene Angaben keine großen Ambitionen, dieses bewährte Schauspiel auf den Kopf zu stellen. „Ich werde da nicht zum Revolutionär.“ Gemeinschaftlich versteckt er sich hinter das rechtlich-öffentliche Argument, dass auch politische Talkshows nicht an die gängelnden Kritiker sondern an den allgemein interessierten Bürger – den man sich schließlich über Jahre hinweg erzogen habe – adressiert sind. Die Mehrheit könnte sich bei Spartenformaten fragen, wieso sie Gebühren für Sendungen zahlen, die nicht viele Menschen erreichen? Und da beißt sich die Katze wohl wissend in den Schwanz. Der Bildungsauftrag der ARD – „informieren, bilden, beraten und unterhalten“ – ist großflächig formuliert und lässt Freiraum für die eine oder andere Ballonfahrt.
Riskant sind Experimente mit dem journalistischen Genre „Talkshow“ für Jauch gleichwohl nicht: Über drei Jahre im Voraus hat sich die auf dem freien Wirtschaftsmarkt agierende Produktionsgesellschaft „Information und Unterhaltung TV“ – nach dem Rückzug von Gruner und Jahr ist Jauch ihr Alleingesellschafter –, mit dem WDR und dem NDR geeinigt. Das Engagement bei RTL bleibt unberührt. Mit der Quizshow „Wer wird Millionär“ ist der 54-Jährige längst auf dem Hohepunkt seiner Popularität.
Angreifer werden lediglich aus den eigenen Reihen des ARD-Gremiums vermutet, die den ersten Kooperationsversuch vor drei Jahren vergifteten und sich nun nach dem Sendestart im September über den Bekanntheitsgrad von Jauch profilieren mögen. Jauch stapelt deshalb tief und spricht von überzogenen Erwartungen: „Sie werden vielleicht über mich herfallen.“ Das klingt dramatisch, wird doch eine weiche, sichere Landung prognostiziert: Laut einer Emnid Umfrage – von Hörzu in Auftrag gegeben – freuen sich 42 Prozent der 1002 Befragten auf die politische Talkshow mit Günther Jauch.
Fazit: Viel Geld wird ausgegeben, aber wenig Bewegung erwartet. Wir schweben so dahin.
Konkrete Vorschläge und Alternativen müssen daher her, wenn wir uns spürbar vom Flachbildschirm-Gesäusel entfernen und uns durch die fünfte Talkshow nicht unsere Lebenszeit stehlen lassen wollen. Weil sich Revolutionen – auch die der anderen Hälfte der Gebührenzahlern – natürlicherweise dadurch auszeichnen, dass sie scheitern und im schlimmsten Fall Nährboden für den nächsten Mehrheits-Quassel-Blabla bieten, sendet das Konzert der Stille einen Wunschzettel an Günther Jauch und an seine Sendungsoptimierer. Als Inspiration:
Lieber Herr Jauch!
1. Laden Sie Gäste ein, die augenscheinlich der Minderheit angehören. Oder mal ganz verrückt: Aus der Kultur. Aus dem Bereich des Umweltschutzes. Aus sinnstiftenden, nachhaltigen Branchen. Aus der Wissenschaft.
2. Laden Sie Gäste ein, die wirklich etwas zu sagen haben. Kompetenz steht vor Show-Wert.
3. Haben Sie keine Angst vor den Gästen, sondern bereiten Sie sich gut vor. Bleiben Sie neugierig auf die Menschen und ihre Geschichten.
4. Widmen Sie sich den Themen, die die Zuschauer weit im Voraus selbst erspüren, und nicht denen, die von den Medien aufgebläht werden.
5. Schaffen Sie Raum für wechselseitige Überzeugungen, für das Revidieren von Meinungen, für das Ändern von Positionen, für Nachdenklichkeit, für den Austausch guter Argumente. Debattieren Sie und sagen Sie dem Smalltalk der Quizsendungen und der großen Entertainmentshows adé.
6. Lassen Sie sich das Drehbuch der Sendung nicht von der Redaktion diktieren, sondern vertrauen Sie Ihrer Spontaneität und Ihrem gesunden Gespür.
7. Zerhacken Sie die Sendung nicht, sondern überlassen Sie das Geschehen dem natürlichen Fluss einer angeregten Diskussion.
8. Verbinden Sie die Elemente der Talkshow mit Einspielungen und Reportagen, die gut recherchiert sind und die inhaltlichen Schwerpunkte beleben und ergänzen.
9. Dienen Sie der Wahrheitsfindung. Bemühen Sie sich um sachgerechte Aufklärung.
10. Vergessen Sie das junge Publikum nicht. Es geht um unsere Zukunft.
Wir schielen rüber zum österreichischen Format von „Club2“ und fordern: Talken oder für immer schweigen.
Hoffen wir, dass dieser Wunschzettel Günther Jauch erreicht.









