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VON HARRIET OERKWITZ
20. OKTOBER 2011

W. A. Mozart komponiert Hymne für Konzert der Stille

Das Haus der Musik in Wien provoziert ein neues Hör-Bewusstsein

Pränatales Sinnesrauschen
Quelle: Haus der Musik

Es ist ein Wunderhaus – das Haus der Musik in Wien, mitten im Herzen der Stadt. Wunderbar, wie man auf den sechs Etagen des historischen Palais neue, alte, moderne und experimentelle Musik unmittelbar erfährt. Erstaunlich, wie spielerisch und ansprechend häufig komplexe Zusammenhänge der Akustik über alle Sinne verständlich werden. Wunderschön, wie ästhetisch und harmonisch das interaktive Klanghaus aufbereitet ist und zur musikalischen Entdeckungsreise einlädt.

Schon der Name des vom Museum ausgelobten, aktuellen Fotowettbewerbes „Fang den Klang“ – die Plakate zeigen einen Jungen, ausgestattet mit geheimnisvollen, übergroßen Kopfhörern, Mikrophonen und Aufnahmegeräten – suggerieren deutlich: Überall ist Klang, alles schwingt, Musik kann jeder einfangen und bewusst erleben. Das erklärte Ziel des Hauses für Musik ist es, Verständnis, Aufgeschlossenheit und Begeisterung im Umgang mit Musik zu stiften und zu vermitteln. Bis einschließlich zum 10. November 2011 kann eine kleine Auswahl der unzählig eingesendeten Fotos bewundert werden.

Klänge fangen, Sounds nachspüren, Stimmen wahrnehmen: Zu einer Reise in das Innere – in die Substanz – eines Klanges fordert zum Beispiel die „Sonosphere“ auf. Die Ausstellung, die sich durch ihre ungewöhnlichen Experimente und Interaktionen mit den Besuchern auszeichnet, wurde vom Wiener Künstler und Wahrnehmungsforscher Sha (mit bürgerlichem Namen Andreas Rodler, Jahrgang 1972) arrangiert. Schon der Eintritt in diesen Bereich gestaltet sich ganz sonderbar. Eine einzigartige Komposition aus Raum und Schall soll an das pränatale Sinnesrauschen erinnern, also den Umgebungsgeräuschen im Mutterleib aus der Perspektive eines Embryos. Originalaufnahmen, Vibrationen, Schwingungen und Licht- und Farbeffekte sind mit dem ganzen Körper erleb- und spürbar. Eindrucksvoll.

Auch das Wahrnehmungslabor, also die Terminals, an denen verschiedene, wissenschaftliche Aspekte des Hörens untersucht werden, taucht die Besucher in eine Welt auditiver Phänomene und Wunder ein: Wie gelingt es uns, innerhalb weniger Sekundenbruchteile Geräusche und Töne in unserer Umgebung zu lokalisieren? Welches Lebewesen hört die höchsten Frequenzen? Gibt es eine unendliche Tonleiter? Welche Kraft und Wirkung hat die eigene Stimme?

Und während in verschiedenen Audiotheken und Klanggalerien Geräusche aus der Makro- und Mikrosphäre aufschnappt und sortiert werden, können diese mit Hilfe der Evolutionsmaschine je nach Geschick und Fantasie zu einer eigenen CD-Produktion arrangiert werden. Ein Affe in der Raumkapsel klingt anders als die Originalaufnahme des Erstkontaktes der Apollo 11. Auf den Straßen New Yorks herrscht ein anderer Sound als in der Badain Jaran Wüste in der Inneren Mongolei. Die Rollen eines Skateboards machen ein anderes Geräusch als das Schnäuzen. Schwer, für alle Töne angemessene Beschreibungen und Worte zu finden, aber sinnlich, diese selbst hören und für seine eigenen Komposition nutzen zu können. Und so wird der individuelle Soundtrack gegen eine kleine Schutzgebühr als Andenken mitgenommen.

„Experimente an den Grenzen der eigenen Wahrnehmung, unterschiedliche musikalische Aggregatzustände und neue interaktive Klangorganismen provozieren ein anderes Hör-Bewusstsein jenseits des traditionellen musikalischen Horizonts“, so Sha über Idee und Absicht seiner Klanglandschaften. „Ich selbst habe mit meiner Arbeit nach dem Haus der Musik (Anmerk. Das Museum wurde am 15. Juni 2000 eröffnet.) einen sehr spezifischen Weg beschritten, um das Bewusstsein für den Klang im Alltag neu zu wecken: Ich habe „Klang-Möbel“ entwickelt.“  --- Alles schwingt. Die im Jahr 1807 von dem französischen Mathematiker und Physiker Jean Baptiste Joseph Fourier erstmals formulierte These bekommt für jeden Besucher und Mitentwickler im Haus der Musik konkrete Interpretationen und Anwendungen.

Um neue Höreindrücke zu erfahren, bleibt es natürlich nicht aus, auch die historischen Zusammenhänge – im Mittelpunkt steht selbstverständlich die Wiener Klassik – zu ergreifen und aufzuarbeiten. Biografische Ausflüge in das Leben von Beethoven, Haydn, Mozart, Strauss, Mahler oder Schubert sind über ganz verschiedene, neue Medien möglich. Auf den Spuren großer Meister: Jeder Besucher entscheidet selbst, welche Fragen und Perspektiven er vertiefen möchte. Unaufdringlich und spannend verpackt.

Infotainment, Edutainment, Entertainment – Die Präsentationsform des Hauses für Musik zeichnet sich auch in diesen geschichtlichen Ausstellungsbereichen durch Konsequenz aus. Während die einen Besucher mit Hilfe zweier Würfel einen Walzer komponieren – von diesen Spielen ließen sich schon Mozart und Haydn inspirieren –, dirigieren andere das Orchester der Wiener Philharmoniker: Der 5. Ungarische Tanz von Johannes Brahms braucht ein ebenso regelmäßiges Maß wie der Radetzky-Marsch von Johann Strauss. Das muss man ausprobieren!

Das Konzert der Stille besuchte dieses moderne Musiktheater, welches für individuelle Unternehmensveranstaltungen und Führungen gebucht werden kann und zusätzlich über einen Shop und ein Restaurant verfügt, am vergangenen Wochenende auf Einladung (Eintritt: Erwachsene 11 €, Kinder unter 12 Jahren 5,50 €, Familienticket 26 €). Große Aufmerksamkeit gewann dabei das musikalische Spiel KV 516f von Wolfgang Amadeus Mozart. Er schrieb dieses im Jahre 1787 für seine Klavierschülerin Franziska von Jacquin. Bei dieser Kompositionsidee werden jedem Buchstaben eines Namens zwei feste Takte zugeordnet, deren Auswahl nach folgendem Regelwerk geschieht.

a) Der Name wird aufgeschrieben und mit einem „Z“ für die Schlusskadenz versehen.

b) Die Buchstaben werden alphabetisch geordnet.

c) Doppelte Buchstaben werden herausgenommen und hinten wieder angehängt.

d) Die Zahlen 1 und 2 werden auf die Buchstaben abwechselt verteilt.

e) Die Reihenfolge der Buchstaben wird wieder entsprechend des Namens geordnet.

f) Die Zahlen verweisen auf die jeweiligen Zweitakt-Abschnitte.

Mit diesem Spiel lernte die Schülerin das Improvisieren unvorhersehbarer Melodien. Heute übernimmt ein kleiner Computer diese musikalische Übersetzung. Und so sähe die Partitur für das „Konzert der Stille“ aus – Mozart wäre nicht weniger begeistert.

Einfach wunderbar.

Konzert der Stille - Hymne nach Mozarts Kompositionsidee KV 516f

Partitur Konzert der Stille

So klingt die Hymne für das "Konzert der Stille"

Aufmerksamkeit: Die Aufnahme ist sehr leise.
Ich bin Unterstützer: Das Konzert der Stille ist und bleibt in meiner Wahrnehmung ein Geschenk an die Welt. Für die hochwertigen Gastbeiträge und für die oftmals umfangreichen Programmier-Leistungen bemühe ich mich stets um einen Wertausgleich. Wer mir dabei helfen möchte, den bitte ich um seine frEURO auf das Konto Harriet Oerkwitz/ Konzert der Stille, bei der DKB 120 300 00, Kontonummer 1012644777, Betreff: „Ich bin Unterstützer“. Da das Konzert der Stille nicht als gemeinnützige Organisation bewertet wird und somit nicht die Voraussetzung der § 68 ff der Abgabenordnung erfüllt, stelle ich keine Spendenbescheinigungen aus.
SCHLÜSSELWÖRTER 
HAUS DER MUSIK, WIEN, SAH, SONOSPHERE, MOZART, WÜRFELSPIEL, GERÄUSCHE
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