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VON HARRIET OERKWITZ
17. DEZEMBER 2011

Waren Mahler, Wagner und Beethoven hochsensibel?

Musikerbiograf Hans-Georg Klemm über Hochsensibilität in der Kunst

Lieber Hans,

vor wenigen Wochen veröffentlichten wir gemeinsam eine Leseprobe aus Deiner Beethoven-Biografie „Echte Kunst ist eigensinnig!“ auf dem Konzert der Stille. Damals kündigtest Du bereits an, dass im Sommer 2012 Dein nächstes Buch erscheinen wird. Waren auch die Komponisten Mahler und Wagner hochsensibel? Dieser Arbeitsthese gehst Du seither nach.

Lass mal hören: Wie geht es voran? Wie bist Du auf die Idee des Buches gekommen und welche Aspekte der Musikerleben wirst Du beleuchten?

Deine Harriet

 

***

 

Liebe Harriet,

es ist eine geradezu unglaubliche Geschichte voller Zufälle und Umwege, die vor etwa drei Jahren ihren Anfang nahm. Meine Grundidee war ja zunächst eigentlich „nur“, eine mehr oder weniger „normale“ Beethoven-Biographie zu schreiben, die unterhaltsam und leicht verständlich sein sollte. Ich hatte dabei nicht vorgebildete Leser vor Augen, die einfach nur etwas über das Leben des Komponisten erfahren wollen. Durch meinen Beruf als Lehrer wusste ich nur zu gut, wie sehr die Tragik und Größe Beethovens auch und vor allem Kinder und Jugendliche zu faszinieren vermag. Dass dieses Projekt jedoch eines Tages tatsächlich realisiert werden würde, habe ich damals nicht im Traum zu hoffen gewagt. Denn ich ahnte, wie ungeheuer schwer es sein musste, als Nicht-Fachmann – Musik habe ich nicht studiert – einen geeigneten Verlag zu finden. Für ein Werk, das eigentlich nichts Neues bot außer „alten Wein in neuen Schläuchen“.

Meine ersten Anfragen bei verschiedenen Verlagen verliefen dann auch enttäuschend. Entweder gab es gar keine oder aber eine negative Rückmeldung. Doch dann kam der Abend, der dem Ganzen eine entscheidende Wendung geben sollte. Zu diesem Zeitpunkt war meine Biographie schon sehr weit fortgeschritten, ich schrieb, so weit ich mich erinnern kann, gerade an dem Kapitel über Beethovens Tod und Sterben. Da kam meine Frau zu mir, legte ein schwarzes Buch auf meinen Schreibtisch und schlug eine Seite auf, die sie sehr aufgewühlt hatte. „Lies mal“, sagte sie, „genau so geht es mir auch oft. Vielleicht kannst du mich ja dann besser verstehen.“

Also las ich: „Benjamin leidet ... Wenn Sie jetzt zu ihm nach draußen gehen und ihm Ihre Hand geben würden, könnte er Ihre Gemütsverfassung spüren. Schlimmer noch, er würde Ihren seelischen Zustand selbst durchleben ...“ Haberland sprach weiter mit Emma und versuchte ihr so einfach wie möglich die komplexe medizinische Problematik zu erläutern. „Ich weiß, es klingt ein wenig esoterisch, aber Sie haben sich doch gewiss auch schon mal die Hand vor die Augen gehalten, weil beispielsweise eine Filmszene so grausam war, dass Sie nicht hinschauen wollten ... Also können auch Sie die Qualen eines anderen zumindest nachempfinden. Die meisten von uns gewöhnen sich daran, wenn sie Tag für Tag mit schrecklichen Bildern konfrontiert werden. Wir sehen den frierenden Penner auf der Straße nicht mehr und wenden uns von der sabbernden Frau ab, die in der U-Bahn unverständliches Zeug brabbelt. Nach dem zehnten Horrorfilm halten wir uns auch nicht mehr die Hand vor die Augen.“ Er machte eine Pause. „Die meisten Menschen stumpfen ab. Aber Benny ist anders ... Wenn er an einem Krankenhaus vorbeifährt, überlegt er sich, wie viele Menschen dort gerade im Sterben liegen. Wenn er die Augen schließt, stellt er sich vor, was in dieser Sekunde alles auf der Welt geschieht, wovon wir morgen in der Zeitung lesen werden. Er sieht das ins Koma geschüttelte Baby, den Soldaten, dem die Genitalien bei der Folterung abgeklemmt werden, das Pferd, das im Tiertransport zum tunesischen Schlachthof verdurstet ... Wie jede labile Persönlichkeit leidet auch Benny unter enormen Stimmungsschwankungen, die ihn schier zu zerreißen drohen.“

Es war kein Buch über Hochsensibilität, das meine Frau zufällig gerade in die Hand nahm, während ich meine Beethoven-Biographie schrieb (Denn von diesem Phänomen hatten wir damals noch gar nichts gehört). Es war ein Psychothriller, Sebastian Fitzeks „Splitter“. Meine Sandra hatte sich wiedererkannt in dieser Passage über einen hochsensiblen Mann, war zum ersten Mal dem Begriff „HSP“ begegnet und musste unbedingt mehr erfahren über dieses Thema.

Auch mein Interesse war augenblicklich geweckt worden, und zwar gleich aus zwei Gründen. Zum einen, weil ich meine Frau, die ich stets „als nicht ganz einfach“ empfunden hatte, besser kennen und verstehen lernen wollte, zum anderen wegen dieser Worte: „... Stimmungsschwankungen, die ihn schier zu zerreißen drohen.“ Hatte ich nicht so etwas Ähnliches über Beethoven geschrieben? War er etwa auch hochsensibel gewesen? Mir war sofort klar: Wenn sich diese Vermutung bestätigen sollte, wäre es eine sensationelle Entdeckung.

Sandra begann bald, Elaine Arons Buch über Hochsensibilität zu lesen, das, wie für viele andere Menschen auch, einer Offenbarung gleichkam. Es hat ihr (und mir) tatsächlich dazu verholfen, vieles erklären zu können, viele Rätsel ihres Wesens zu lösen. Wir unterhielten uns viel zu dieser Zeit, über Hochsensibilität, über sie, und über Beethoven. Aus dem ersten Verdacht wurde rasch Gewissheit, und schon bald war ich überzeugt davon, dass ich meine These schlüssig belegen konnte.

Also machte ich mich daran, die Biographie komplett zu überarbeiten und mit meinen neuen Erkenntnissen anzureichern. Jetzt musste ich doch einen Verlag finden! Jetzt konnte ich wirklich mit etwas Neuem aufwarten! Voller Optimismus schickte ich das Manuskript mit entsprechendem Exposé an mehrere Verlage – und erhielt erneut eine Absage nach der nächsten. „Zweifelsohne interessant“, hieß es meistens, „sehen uns aber leider außerstande ...“ und so weiter und so fort.

Wie ich dennoch die Motivation fand, ein ganz neues Buch zu beginnen, ist mir im Nachhinein leicht schleierhaft. Der Spaß am Schreiben war es sicherlich, vor allem aber die Faszination des Themas „Hochsensibilität und Kunst“, dessen immense Bedeutung ich erkannt hatte. Wer könnte ein Wesenverwandter Beethovens gewesen sein?, war mein Leitfrage. Und allzu lange brauchte ich nicht suchen, wurde fündig bei meinen beiden anderen Lieblingskomponisten Mahler und Wagner.

War das nicht ein Projekt, das jeden Lektor begeistern musste? Ein Buch über die drei vermeintlich so unterschiedlichen Künstler, das frappierende Gemeinsamkeiten ihres Wesens offenbart! Doch zunächst hagelte es erneut negative Bescheide seitens der Verlage, bis eines Tages – im Sommer 2010 – die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt in Person des Lektors Dr. Aschemeier (dem ich unendlich dankbar bin!) Interesse bekundete und um die Zusendung des ganzes Manuskripts bat.

Aus dem siebten Himmel fiel ich nur wenige Wochen später, als die Programmrunde des Verlags den Text dann doch ablehnte. In einem netten Brief brachte Dr. Aschemeier mir schonend diese Nachricht bei und ermunterte mich zugleich, neue Ideen auch in Zukunft bei der WBG vorzustellen. Diese war schnell gekommen. Am selben Tag noch schickte ich ihm, wenn auch mit wenig Hoffnung, meine Beethoven-Biographie, die dann tatsächlich angenommen (und mittlerweile veröffentlicht) wurde. Von da an lief alles auf einmal ganz leicht. Erst erhielt ich die gleichermaßen überraschende wie erfreuliche Mitteilung, dass man sich seitens des Verlages dazu entschlossen hatte, auch ein Hörbuch zu produzieren, dann kam die Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte, ein weiteres Werk für die WBG zu verfassen – und zwar über Wagner. Ich bot dem Nachfolger von Herrn Dr. Aschemeier das zuvor abgelehnte Manuskript an – mit Erfolg. Welch eine Freude, als ich innerhalb weniger Monate den zweiten Autorenvertrag unterschreiben durfte! Ende dieses Jahres muss ich das Manuskript „abgeben“, dann geht es ins Lektorat. Im Spätsommer 2012 wird es voraussichtlich erscheinen.

 

Das neue Buch?

 

„Beethoven – Wagner – Mahler“ lautet der Haupttitel. Das steht fest. Über den wichtigen Untertitel ist noch keine definitive Entscheidung gefallen. So sehr ich mich darüber freue, dass die WBG mir die Chance gibt, dieses Buch bei ihr veröffentlichen zu dürfen und meine These publik zu machen: Ich hoffe, den Verlag noch überzeugen zu können, dass „Genial und hochsensibel“ kein wirklich guter Titel ist. Dieser wird momentan nämlich hoch gehandelt. Mir persönlich gefiele „Das Geheimnis eines Wesens“ oder „Die Wesensverwandten“ viel besser. Was meinst du, Harriet?

Das Spannende an dem Buch ist aus meiner Sicht, dass es ein völlig neues Licht auf die drei Komponisten wirft, die sich darüber hinaus durch die Art der Darstellung gegenseitig „beleuchten“. Auch wenn sie sehr unterschiedliche Menschen waren: Ihr gemeinsames Wesen eint sie, genauer gesagt: ihre Hochsensibilität.

Die zum Teil frappierenden Parallelen zeige ich in den ersten acht Kapiteln auf, und ich denke, dass sie sehr viele Leser überraschen werden. Weil man die Drei von ganz anderen, unerwarteten, oftmals gar nicht zu ihrem heutigen Bild „passenden“ Seiten kennen lernt. Sicherlich jeder, der sich mit Beethoven ein wenig auskennt, weiß beispielsweise, dass er ständig die Wohnungen gewechselt hat. Weniger bekannt hingegen ist, wie sehr ihm allein in dieser Hinsicht Wagner und Mahler „nacheiferten“, die quasi ständig auf der Flucht vor Lärm und anderen äußeren Einflüssen waren. Neben ihrer immensen Empfindlichkeit litten alle drei außerdem unter ihren extremen Stimmungsschwankungen zwischen „himmelhoch jauchzend“ und „zum Tode betrübt“, ihren Todesgedanken. Sie liebten die Natur innig, die sie als Zufluchtsort und Quelle der Inspiration begriffen, waren äußerst mitleidig und mitfühlend, besaßen einen eigentümlichen Humor.

Dies alles kommt, wie gesagt, in den ersten acht Kapiteln zur Sprache, bevor das letzte die Gemeinsamkeiten ihres Wesens auf ein und dieselbe Ursache zurückführt und eingehend erläutert: ihre Hochsensibilität. Meines Erachtens kann daran kein Zweifel bestehen. Eine Vielzahl der bei Aron beschriebenen „Symptome“ dieses Phänomens treffen auf Beethoven, Wagner und Mahler zu. Die von mir verwendeten Quellen sprechen eine deutliche Sprache. Neben den einschlägigen, seriösen Biographien und Handbüchern habe ich alles herangezogen, was geeignet erschien, einen Einblick in ihr Wesen zu gewinnen. Cosima Wagners Tagebuch beispielsweise oder die Erinnerungen Natalie Bauer-Lechners an Mahler. Und sehr häufig habe ich mich beim Lesen und Schreiben gefragt: Warum nur hat niemand vor mir den Versuch gemacht, die vielen Rätsel dieser großartigen, häufig verkannten Persönlichkeiten durch ihre Hochsensibilität zu erklären?

Ein Fluch und Segen zugleich. Auch das wäre ein geeigneter Untertitel. Denn so sehr die drei Komponisten unter ihrem besonderen Wesen zu leiden hatten und sich selbst oft nicht verstanden: Es hat in ihrem Werk nicht nur unverkennbar seine Spuren hinterlassen, es war die Basis dafür. Man wird daher meines Erachtens in Zukunft beim Hören und vor allem Interpretieren ihrer Musik die Besonderheiten ihres Wesens zu berücksichtigen haben. Vielleicht – das mag provokant klingen - kann nur ein Hochsensibler eine Beethoven-Sonate „richtig“ spielen. Vielleicht lag Glenn Gould doch nicht so „falsch“, wie viele glauben. Denn auch er ist ein Wesenverwandter der drei Komponisten. Da bin ich mir absolut sicher.

Liebe Grüße,

Dein Hans.

Musikerbiograf Hans-Georg Klemm

Hans-Georg Klemm
Hans-Georg Klemm

Hans-Georg Klemm, geb. 1965, ist Pädagoge und Sachbuchautor. Seine Beethoven-Biografie „Echte Kunst ist eigensinnig!“ erschien in diesem Sommer im Primus Verlag.

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SCHLÜSSELWÖRTER 
HANS-GEORG KLEMM, MAHLER, WAGNER, BEETHOVEN, MUSIKERBIOGRAFIE, HOCHSENSIBILITÄT
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1 KOMMENTAR(E)

Freu mich über dieses Buch.

Renate, HSP, Pianistin

Renate Laich-Knausenberger
am 
08. Januar 2012

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