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VON HARRIET OERKWITZ
10. SEPTEMBER 2011

Wer ist Kiki, wer heißt Bubu?

Psychiater Manfred Spitzer über die Bedeutung von Musik beim Lernen

Abbildung: Kiki und Bubu
Wer ist Kiki, wer heißt Bubu?

„Im Gehirn passieren viele Dinge, von denen wir nichts mitbekommen. In der Summe haben diese Dinge aber einen Effekt.“ Diese frei zitierte These schrieb der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) an seinen Wissenschaftskollegen John Locke bereits um 1700.

Mit einem Teilaspekt davon – nämlich wie unser Gehirn Klang verarbeitet - beschäftigte sich der heutige Vortrag von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer auf dem 5. Klang-Kongress in Dortmund. Spitzer ist Psychiater, Psychologe, Hochschullehrer und seit 1998 ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Sein Tätigkeitsfeld umfasst die Neurodidaktik. Er veröffentlichte zahlreiche Publikationen, wie zum Beispiel „Musik im Kopf: Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk“ (2002) oder „Mozarts Geistesblitze: Wie unser Gehirn Musik verarbeitet“ (2006).

Was muss passieren, damit wir Klänge hören? Wozu ist das Ohr da? Warum gibt es Musik?

Spitzer, der gern Musik um sich hat, auf „allem herumdudelt“, stets in irgendeiner Band spielt oder Instrumente bastelt, erklärt anschaulich und überaus unterhaltsam, wie wir „das Gewackel im rechten Ohr und Gewackel im linken Ohr“ wahrnehmen und die Klänge und Töne durch überaus feine Analyse unseres Gehirns rekonstruieren. Schaltpläne der Synapsen-Trampelpfade, Anschauungen über leuchtende Nervenfasern, Skizzen von biochemischen Prozessen geben Einblick in komplexe Vorgänge. „Unsere Erfahrungen und unser Umgang mit den Dingen – letztendlich mit der Physik der Objekte - sind maßgeblich daran beteiligt, wie und was wir hören. Dass Sie mich jetzt verstehen, liegt daran, dass Sie unglaublich oft deutsche Sprache hören“, erklärt Spitzer und deutet auf das Foto. „Probieren Sie es aus: Welche Figur ist Kiki und welche heißt Bubu?“

Die Ergebnisse bei der Zuordnung von Kiki und Bubu sind länder- und kulturübergreifend ähnlich. Musik ist nicht nur sehr alt – die ältesten Flöten sind rund 50 000 Jahre und aus Hühnerknochen geschnitzt –, sondern auch ein universales, soziales Phänomen.

Entscheidend ist die Ausschüttung und Bildung des Hormons Oxytocin, dass für die Gefühle Verbundenheit, Vertrauen und Gemeinschaft verantwortlich ist. In seinen langjährigen Forschungen lokalisierten Spitzer und sein Team eine Stelle im Mandelkern unseres Gehirns, wo dieses Hormon beim Hören angenehmer Musik gebildet wird. „Wo man singt, da lass Dich nieder“ wäre demnach eine alte Weisheit, die man in der Neurowissenschaft durchaus teilt.

Neben den Gemeinschaftseffekten drosselt Musik die Angst - eine Grundvoraussetzung für nachhaltiges, erfolgreiches Lernen. „In der Schule hat Angst nichts verloren. Angst schließt Kreativität aus“, so der Psychiater. Gemeinsames Singen und Musizieren schafft eine Atmosphäre, eingebettet in einem geschützten Raum, ohne negativer Emotionen. Instrumentalisten lernen in der Schule besser, weil sie früh und nah erfahren, dass sich Musizieren lohnt. „Je mehr sie üben, desto schöner klingt es. Die Kinder erleben selbst, welche Wirkungen die Freude und der Spaß am Lernen haben. Sie testen bei Auftrittssituationen, wie sie mit Stress und Prüfungen umgehen können.“

Einen Tipp hat Prof. Dr. Dr. Spitzer für Eltern, die ihren Kindern ein Instrument kaufen wollen: „Man kann darauf achten, dass das Instrument keinen Strom braucht. So erfahren die Kinder das reiche, natürliche Klangspektrum der Musik. Die Haptik und der Geruch des Materials sind ebenfalls von Bedeutung.“ Beim Lernen werden nämlich alle Sinne gleichermaßen angesprochen. Dies bewirkt, dass wir neugierig und aufmerksam sind und das Lernzentrum im Gehirn aktivieren. Unser Glück, dass wir beim Musizieren empfinden, ist ein willkommener Nebeneffekt.

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Im Gespräch: Prof. Manfred Spitzer
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SCHLÜSSELWÖRTER 
MANFRED SPITZER, GEHIRN, NEUROLOGIE, MUSIK BEIM LERNEN, KLANG KONGRESS
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